Compasso vermittelt im Arbeitsmarkt

Die meisten Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten in geschützten Werkstätten. Dort bleiben sie unter sich und haben wenig Austausch mit Menschen ohne Behinderungen. Damit mehr Menschen inklusiv arbeiten können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen und Flexibilität bei den Arbeitgebern. Interview mit Martin Kaiser, Compasso-Präsident und Mitglied der Geschäftsleitung Schweizerischer Arbeitgeberverband.

Was raten Sie Eltern einer Tochter oder eines Sohnes mit Behinderung, die eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt suchen?
Eltern übernehmen oft viele Aufgaben, was einerseits wichtig ist, andererseits zu einer Überforderung führen kann. Dies genau deshalb, weil viele Prozesse zwischen den verschiedenen Versicherern und Behörden immer noch zu wenig koordiniert sind. Daran arbeiten wir intensiv. Konkret kann ihnen ein Case Management Berufsbildung helfen, mit dem die Koordination zwischen den Betroffenen und ihren Eltern, dem Lehrbetrieb und der Berufsschule gefördert wird. Nützlich kann auch die Zusammenarbeit mit einer Eingliederungsorganisation sein, wie wir in unserem Netzwerk verschiedene haben, die einen Arbeitsversuch oder einen Personalverleih organisieren.

Wie sieht die Unterstützung durch Sponsoren wie IV-Stellenkonferenz, Versicherungen, Post, SBB, Coop und Swisscom aus?
Compasso finanziert sich ausschliesslich über Sponsoren und Mitgliederbeiträge, ohne staatliche Subventionen. Die Sponsoren schicken aber nicht nur Geld, sondern stellen ihre besten Leute für die Projekte von Compasso und ermöglichen so ein Netzwerk, das alle Player der Eingliederung gemeinsam mit den Arbeitgebern an einen Tisch bringt. Wir bringen verschiedene Sichtweisen an einen Tisch und optimieren die Prozesse. Im Think Tank von Compasso entwickeln wir gemeinsam neue praxistaugliche Ideen.

Wie motivieren Sie Arbeitgeber, eine Person mit Behinderung anzustellen?
Indem wir sie mit nützlichen Informationen und Instrumenten versorgen. Wir bieten konkrete Unterstützung wie Musterprozesse und Checklisten. Menschen mit Beeinträchtigung bringen andere Erfahrungen in den Betrieb. Arbeit sollte nicht nur über Leistung definiert werden, sondern auch in ihrer sozialen Funktion als Mittel der Integration. Arbeit bedeutet Wertschätzung, gerade auch bei Menschen mit Beeinträchtigung. Sie sind oft besonders motiviert, vielleicht hat jemand eine Persönlichkeit, die dem Team gut tut. Wir zeigen auch die betriebswirtschaftliche Bedeutung der Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen.

Das ressourcenorientierte Eingliederungsprofil REP ist ein Instrument für die Integration in den Arbeitsmarkt. Wie funktioniert es?
Das zentrale Thema ist Arbeitsmarktfähigkeit. Bei einem krankheits- oder unfallbedingten längeren Ausfall soll möglichst rasch die Kommunikation zwischen dem Arbeitnehmer, dem Arbeitgeber und dem behandelnden Arzt aufgebaut werden. Wir fragen: Welche Ressourcen sind wieder vorhanden? Was muss man bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz oder beim Einstieg in eine neue Arbeit beachten? Das Arbeitsumfeld sollte angemessen gestaltet werden, auch das Team ist dabei wichtig. Deshalb gehört mit Travail Suisse auch der erste Arbeitnehmerdachverband zu Compasso. Vom Austausch mit dem Eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen erwarte ich Hinweise für Arbeitgeber, wie sie ein inklusives Arbeitsumfeld gezielter fördern können.

Wo können Menschen mit einer stärkeren Behinderung arbeiten?
Dort, wo es möglich ist, sollen Menschen mit Beeinträchtigung in ein normales Arbeitsumfeld integriert werden. Aber es wird immer Menschen geben, die in einer Werkstätte arbeiten, wo sie eine Tagesstruktur und soziale Kontakte haben.

Wie sieht Ihre persönliche Zwischenbilanz bei Compasso aus?
Ich bin im Arbeitgeberverband Leiter Sozialpolitik und habe in einer Krisenzeit – Compasso stand vor dem finanziellen Kollaps – die Leitung übernommen. Weil ich von der Sache überzeugt bin, engagiere ich mich mit Enthusiasmus und der Bereitschaft, auch einen Teil meiner Freizeit zu investieren. Compasso lebt von Menschen, die sich aus Überzeugung engagieren. Früher hatten Arbeitgeber Angst, von Menschen mit Beeinträchtigung überrannt zu werden, wenn sie Bereitschaft, sie anzustellen, signalisierten. Heute ist ein entsprechendes Engagement «normal». Der Arbeitgeberverband hat als Patronatgeber sein Engagement auch finanziell verstärkt, und ich geniesse volle Rückendeckung. Es ist vieles passiert, aber es ist noch mehr möglich.

Das Interview mit Martin Kaiser ist im insieme Magazin 2-2018 erschienen.