«Gut verzahnt, aber getrennt»

Die Schweizer Berufsbildung ist ein wesentlicher Faktor, die Schweiz für den Strukturwandel fit zu halten. Davon ist Valentin Vogt überzeugt. Der Verwaltungsratspräsident von Burckhardt Compression in Winterthur und Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands plädiert für eine grössere Anerkennung der Lehre.

Inwieweit trägt das Schweizer Berufsbildungssystem zum Schweizer Wohlstand bei?
Dazu muss man verstehen, worauf der Wohlstand in der Schweiz beruht. Er basiert nicht primär auf der hohen Produktivität. Das Erfolgsgeheimnis ist unsere hohe Erwerbsquote. Wir sind bei der Erwerbsquote Weltspitze und integrieren 82 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter in den Arbeitsprozess. In EU-Ländern liegt die Quote um 10 bis 20 Prozent tiefer. Zudem absolvieren 95 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz nach der obligatorischen Schule eine berufliche Ausbildung oder eine Matura. Das duale Berufsbildungssystem hat hieran einen entscheidenden Anteil.

Funktioniert das System, weil es der Wirtschaft gut geht – oder ist es umgekehrt?
Die Berufsbildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass die Schweiz heute erfolgreich ist und dies auch bleibt. Sie hilft, die Herausforderungen des Strukturwandels zu meistern. Die Schweiz befindet sich seit 1860 in einem permanenten Strukturwandel. Damals arbeiteten bei einer Bevölkerung von vier Millionen Menschen insgesamt 400’000 in der Textilindustrie – heute sind es nur noch rund 20’000. Derlei ist nur durch grosse Anpassungsfähigkeit möglich. Wenn sich Berufsbilder ändern, werden die Lehrinhalte von den Verbänden beziehungsweise deren Mitgliedsunternehmen weiterentwickelt. Somit sind die Berufsbilder auf den Bedarf der Wirtschaft nach Arbeitskräften abgestimmt. Zudem haben die Lehrabsolventen alle ein grundlegendes Prozessverständnis – das fördert das für Schweizer Unternehmen so wichtige Effizienzdenken.

Bei 22 Ausbildungsberufen und 243 Profilen ist das System aber auch recht komplex…
Das stimmt, wir haben sehr spezifische Berufsbilder. Doch auch das passt zur Schweizer Wirtschaft. Die Schweiz ist nicht Weltmeister in den Nischen-, sondern Weltmeister in Ritzenmärkten. Nehmen wir Burckhardt Compression: Wir sind mit 500 Millionen Franken Umsatz Weltmarktführer in einem Markt, der global gerade mal vier Milliarden Franken gross ist. In der Schweiz sind viele solcher Unternehmen beheimatet. Und eine starke Spezialisierung zieht nach sich, dass man neben solider Grundbildung auch berufliche Weiterbildung braucht.

Welche Kernelemente sind besonders wichtig für das Ausbildungssystem?
Die Kernelemente sind die Dualität zwischen praktischer Arbeit und Schulbildung, die soziale Durchlässigkeit, das Engagement der Firmen und natürlich das Prinzip einer privat-öffentlichen Partnerschaft zwischen Staat, Verbänden und Unternehmen. Das ist häufig kritisch, wenn es um eine Adaption des Systems im Ausland geht: Während es überall Wirtschaftsverbände gibt, sind die Berufsverbände nach Schweizer Art im Ausland selten vorzufinden.

Sie erwähnen Durchlässigkeit – bildet die Schweiz nicht zu wenige Akademiker aus?
Die grösste Innovation im dualen Bildungswesen der letzten 20 Jahre ist die Durchlässigkeit und sie funktioniert. In unserem Land können Sie, wenn Sie eine Maurerlehre gemacht haben, auch noch ETH-Professor für Bauwissenschaften werden. Das ist genial. Viele Führungskräfte wie zum Beispiel UBS-CEO Sergio Ermotti haben den dualen Bildungsweg absolviert. Doch es braucht noch grösseres Verständnis für das System bei den Eltern wie auch bei internationalen Firmen.

Also sollte die Maturanden- oder Akademikerrate nicht angehoben werden?
Auf keinen Fall. Man muss das Gesamtsystem im Blick haben und sich fragen, welche Konsequenzen das hätte. Damit senken wir letztlich das Niveau der Matura. Gleichzeitig fehlen gut qualifizierte Jugendliche in anspruchsvollen Ausbildungsberufen. Es gibt den Trend der Akademisierung und den sehe ich mit Besorgnis. Die Lehre ist eine sehr gute Alternative mit kleinem Risiko. Was macht ein Maturand, der beim Vordiplom im Studium durchfällt? Hätte er statt Matura eine Lehre gemacht, könnte er in seinem gelernten Beruf arbeiten und sich später weiterbilden. Zudem erachte ich die Vermischung der beiden Systeme als gefährlich.

Was meinen Sie damit genau?
Wir müssen die Kanten des Bildungssystems nicht abschleifen, sondern schärfen. Hiermit können wir Jugendliche ihren Fähigkeiten entsprechend in den Arbeitsprozess bringen. Und wir gewähren Durchlässigkeit. Beispielsweise sind wir bei Burckhardt Compression sehr froh um Jugendliche, die eine Lehre absolviert haben und bereits früh gelernt haben, mit Erwachsenen pragmatisch Projekte zu bearbeiten. Und: Wichtige Positionen in der Wirtschaft werden durch die höhere Berufsbildung abgedeckt. Nehmen Sie zum Beispiel die anspruchsvolle und gut vergütete Position eines Bauführers. Wenn wir akademische Fähigkeiten suchen, wollen wir diese in ausgeprägter Form bei einem Uni-Absolventen finden. Unser Schweizer Ziel muss sein, in allem, was wir tun, Spitze zu sein: in der Berufsbildung und in der akademischen Bildung Die Voraussetzungen haben wir geschaffen, indem die beiden Systeme sehr gut miteinander verzahnt, aber grundlegend getrennt sind.

Das Interview mit Valentin Vogt ist in der Unternehmerzeitung erschienen.