Zwischenfazit zum Lohnherbst: «Spielraum überlegt nutzen»

1. November 2019 Meinungen

Die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Schweiz war von Ende 2018 bis zum Ende des ersten Quartals 2019 erfreulich. Inzwischen ist das Geschäft jedoch in einigen Exportbranchen regelrecht eingebrochen. Simon Wey, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV), prognostizierte deshalb im August einen engen Spielraum für Lohnverhandlungen. Die jüngsten Erhebungen zum Reallohnwachstum bestätigen die verhaltene Euphorie.

Heuer gilt es besonders, von Verallgemeinerungen abzusehen. Die Lohnentwicklung muss angesichts der weltweiten Schlagzeilen rund um den Handelsdisput zwischen den USA und China, den Brexit sowie um eine sich anbahnende Rezension auf Branchenebene betrachtet werden. Zunächst: Die Befürchtungen einer Rezession können sowohl in globaler Hinsicht als auch für die Schweiz derzeit – noch – relativiert werden. Zu diesem Schluss kamen die Referenten der BAK-Prognosetagung von letzter Woche. Dies, da sowohl der binnenorientierte Dienstleistungssektor als auch der robuste und anpassungsfähige Schweizer Arbeitsmarkt und schliesslich der Privatkonsum die inländische Wirtschaft stützen. Auch die Schweizer Bauwirtschaft wirkt in der Binnenwirtschaft noch als Stabilisator, obwohl sie inzwischen etwas an Schwung verloren hat.

 

Die Befürchtungen einer Rezession können sowohl in globaler Hinsicht als auch für die Schweiz derzeit – noch – relativiert werden.

Besonders die exportorientierte Wirtschaft und global tätige, in der Schweiz domizilierte Unternehmen werden noch immer durch internationale Risiken gehemmt. Es muss von einer weiteren Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China gerechnet werden, der auf Europa überschwappen kann. Eine sich akzentuierende globale Krise würde die Schweizer Wirtschaft direkt bei den Exporten und indirekt über den steigenden Frankenkurs treffen. Sobald diese Schwierigkeiten auch den Schweizer Arbeitsmarkt tangieren, ist mit einem Rückgang der Kaufkraft zu rechnen. Mit der SVP-Kündigungsinitiative, über die Herr und Frau Schweizer im Frühjahr 2020 befinden müssen, steht ausserdem auch im Inland ein grosser wirtschaftlicher Risikofaktor im Raum, der die gesamten Handelsverträge zwischen der Schweiz und der EU gefährdet.

Trotz der wirtschaftlich angespannten Lage und wegen des sich akzentuierenden Fachkräftemangels sehen die Schweizer Arbeitgeber oft von Entlassungen ab. Viel eher schrauben sie ihre Investitionen herunter, werden so aber in ihrem Innovationspotenzial gebremst. Dennoch gehen sowohl die Experten von Lohntendenzen.ch (fast 1 Prozent) als auch der UBS (circa 0,5 Prozent) derzeit für die Schweiz von einem positiven Reallohnwachstum für 2019 aus. Dies zeigt, dass die Arbeitgeber auch in schwierigen Zeiten Gewinne, wo möglich, an ihre Angestellten weitergeben.

Auf Branchenebene betrachtet, gehen die Pharma- und Chemieunternehmen wie auch die Informationstechnologie-Dienstleister als «Gewinner» aus dem anspruchsvollen Jahr 2019 hervor. Bei den Banken kommen die Befragungen der erwähnten Institutionen zu einem unterschiedlichen Ergebnis: Während Lohntendenz.ch von einem Reallohnwachstum von einem Prozent ausgeht, setzt die UBS dieses bei 0,6 Prozent an.

 

Die Arbeitgeber geben auch in schwierigen Zeiten Gewinne, wo möglich, an ihre Angestellten weiter.

Erstaunlich positiv zeigt sich die Reallohnentwicklung im Industriesektor: Beide Befragungen gehen von einem Reallohnwachstum von 0,6 Prozent aus, wobei dieses jedoch vor allem in der Automobilbranche und in der dazugehörigen Zulieferindustrie etwas tiefer ausfallen dürfte.

Im Baugewerbe, Handel und Detailhandel geht die UBS von einem 0,6-prozentigen Reallohnwachstum aus. Dies ist vor allem beim Detailhandel beachtlich, kämpft doch die Branche seit Längerem mit einem strukturellen Wandel. Mit der Verschiebung des Kaufverhaltens vom analogen zum Online-Konsum und dem anhaltenden, vom starken Schweizer Franken getriebenen Einkaufstourismus im nahen Ausland kommt die Branche zunehmend unter Druck.

Fakt ist: Die Lohnerhöhungen werden mehrheitlich individuell, sprich nach betrieblichen Möglichkeiten, weitergeben. Dies erlaubt es den Unternehmen, Mitarbeiter mit überdurchschnittlichem Leistungsausweis stärker am Erfolg zu beteiligen. Lohntendenzen.ch geht davon aus, dass etwa 30 Prozent der Unternehmen generelle Lohnerhöhungen vornehmen werden. Nebst den Lohnerhöhungen muss auch berücksichtigt werden, dass die Arbeitgeber die Leistung ihrer Mitarbeiter nicht nur monetär, sondern auch durch zusätzliche Ferienkäufe oder Teilzeitarbeit honorieren.