Ein grosser Geburtstag für die Frauen

Am 14. Juni wurde gefeiert: 40 Jahre Frauenstimmrecht, 30 Jahre Gleichstellungsartikel in der Verfassung, 20 Jahre Frauenstreik und 15 Jahre Gleichstellungsgesetz. Ist das ein Grund zum Feiern?

Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Anpassung von Gesetzen, die ein Abbild der Werte der jeweiligen Gesellschaft sind, hinkt jedoch immer den veränderten Verhältnissen hinten nach. Dass bereits vor 30 Jahren die gesellschaftlichen Verhältnisse so waren, dass ein Gleichstellungsartikel in der Verfassung verankert werden konnte, ist tatsächlich Anlass zum Feiern.

Die öffentliche Diskussion fokussiert heute auf das Gleichstellungsgesetz, das die Konkretisierung der Gleichstellungsgrundsätze vornimmt. Und da dominiert die Kritik, das Gesetz sei nicht zu 100 % umgesetzt; die Lohngleichheit sei nach wie vor nicht realisiert. Leider wird so der grosse Geburtstag des Frauenstimmrechts zum kleinen Aktionstag für Lohngleichheit degradiert.

Die Kritiker übersehen, dass die Gleichstellung der Frauen im Beruf und insbesondere bei der Entlöhnung nicht losgelöst von der Verbesserung der Frauen-Position in anderen Bereichen realisiert werden kann. Damit sollen keineswegs rein geschlechterbedingte Lohnunterschiede gerechtfertigt werden. Aber auch die Verfassung setzt breiter an: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»

Gleichstellung in der Familie
«Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.» Gotthelf hat nichts an Aktualität verloren. Es wird sich zeigen, ob die emanzipierten Mütter ihren Kindern neue Sichten auf die Gleichberechtigung innerhalb der Familien vermittelt haben. Zuversichtlich stimmt die wachsende Anzahl von gut qualifizierten und karrierewilligen Männern, die ihre Familienverpflichtungen bewusst eingehen und vom Arbeitgeber eine entsprechende Flexibilität einfordern.

Gleichstellung in der Bildung
In der Bildung sind wir wohl am weitesten fortgeschritten und haben in vielen Bereichen die Gleichstellung erreicht. So ist es heute für Mädchen wie Knaben selbstverständlich, eine Berufsausbildung zu absolvieren, und an den Universitäten studieren heute mehr Frauen als Männer. Leider geht dieser Schwung im anschliessenden Berufsleben dann oft verloren und begnügen sich Frauen häufig mit einer interessanten Arbeit, ohne grosse Karrierepläne zu verfolgen. Das ist ein wesentlicher Grund für die Untervertretung der Frauen in besonders qualifizierten und Kaderpositionen.

Gleichstellung in der Arbeit
Die reinen Frauen- und Männerberufe verschwinden zunehmend, doch bleibt die Berufswahl bedauerlicherweise immer noch häufig unterschiedlich für Jungen und Mädchen. Arbeitgeber suchen dagegen in aller Regel eine Person mit bestimmten Fähigkeiten und Erfahrungen; ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelt, spielt für die keine Rolle.

Aktuell werden zwei Themen heftig diskutiert. Die Statistiken zeigen, dass der Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit nicht erfüllt ist. Dabei wird leider oft übersehen, wie sich die statistisch ausgewiesene Lohndifferenz zusammensetzt. Weit über die Hälfte der Lohnunterschiede lassen sich erklären durch unterschiedliche Ausbildung, unterschiedliche Erfahrung, Aufgaben und hierarchische Stellung. Und auch die verbleibende «Diskriminierungsquote» ist mit Vorsicht zu interpretieren, weil die zugrunde liegenden Lohnstatistiken das Lohngefüge nicht sehr differenziert abbilden.

Heute sind bewusste, direkte Lohndiskriminierungen – also Fälle, in denen Frau und Mann bei gleicher Qualifikation, Tätigkeit und beruflicher Stellung unterschiedliche Löhne erhalten – praktisch auszuschliessen. Es ist Aufgabe der Arbeitgeber, dafür zu sorgen, dass keine diskriminierenden Lohnunterschiede in ihren Betrieben bestehen. Dazu gehört auch, dass sie die Beförderungspraxis wirklich geschlechtsneutral gestalten und unterschiedliche Arbeits- und Leistungsbewertungen für Frauen und Männern ausschliessen. Weil Neueinstellungen und Beförderungen immer wieder zu Verschiebungen im Lohngefüge führen können, ist die Lohngleichheit in einem Betrieb nie ein für allemal erreicht. Deshalb ist ihre Einhaltung regelmässig zu überprüfen. Der Schweizerische Arbeitgeberverband bekennt sich zum Grundsatz der Lohngleichheit und gehört zu den Trägern des Lohngleichheitsdialogs. Ziel dieses Dialogs ist es, möglichst viele Unternehmen zu motivieren, gemeinsam mit ihren Arbeitnehmervertretungen die Einhaltung des Lohngleichheits-Grundsatzes zu prüfen und allfällige Diskriminierungen zu beseitigen. Viele Unternehmen haben dies schon vor dem Start des Lohngleichheitsdialogs getan und machen periodische Nachprüfungen.

Das zweite brennende Thema ist die Untervertretung der Frauen im obersten Kader. Es braucht keine Quoten, um dies zu verändern. Die Steigerung des Frauenanteils muss Chefsache sein. Es ist belegt, dass gemischt zusammengesetzte Teams langfristig erfolgreicher sind. Weshalb soll sich die Wirtschaft diese Chance entgehen lassen? Es braucht eine bewusste Förderung von Frauen. Wenn dies nicht von der obersten Führung unterstützt wird, verändert sich jedoch nichts.

Was bringt uns die Zukunft?
Damit die Gleichstellung der Frauen in den nächsten zehn Jahren einen neuen Schub erhält, müssen sich die gesellschaftlichen Rollenbilder von Mann und Frau stark verändern. Weil die Gesellschaft aber zu etwas mehr als 50 % aus Frauen besteht, ist ein solcher Wandel nur möglich, sofern ihn die Frauen wirklich wollen. Gefragt sind seitens der Frauen vor allem mehr Selbstbewusstsein bezüglich der eigenen Fähigkeiten und der Mut, die sich bietenden Gelegenheiten zu ergreifen.

Die Schweiz hatte in der Vergangenheit viele Frauen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für die Rechte der Frauen und die Gleichberechtigung einsetzten. Ihnen gilt unser Dank.

Unser Wunsch geht dahin, dass wir auch in den kommenden Jahren Frauen und Männer haben, die sich für eine gelebte Gleichberechtigung in der Familie, in der Ausbildung und in der Arbeitswelt einsetzen.