«Ungewöhnliche Lebensläufe können auch positiv gewertet werden»

17. Dezember 2019 5 Fragen an...

Hinter der Abkürzung «FAU» steht eine Zürcher Non-Profit-Organisation, die für «Fokus Arbeit Umfeld» steht. Sie versteht sich als Kompetenzzentrum für hoch qualifizierte Stellensuchende und fördert die Arbeitsmarktfähigkeit, die berufliche Integration und die Diskussion zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung des Schweizer Arbeitsmarkts. Eine Schlüsselrolle nehmen dabei die FAU-Coaches ein. Bettina Hollenstein, die Fachverantwortliche FAU-Coaching, erzählt aus ihrer Erfahrung in der Beratung von Stellensuchenden.

FAU lebt das Prinzip «Individuell und zielfokussiert zur Wunschstelle»: Inwiefern fehlt Ihren Klienten der Bewerbungsfokus?

Bettina Hollenstein: Uns sind verschiedene Dinge wichtig bei der Unterstützung von Stellensuchenden und Personen, die eine Veränderung anstreben. Unser Motto lautet: «Individuell, zielfokussiert und nachhaltig.» Individuell, weil jeder Kunde einzigartig ist und seine eigene Vorstellung über seine Zukunft hat. Zielfokussiert, weil jeder Mensch mit seinen Talenten und Interessen seine persönlichen und beruflichen Lebenswünsche leichter umsetzen kann. Wir hören genau hin, um zu verstehen, was wirklich wichtig ist für den Kunden. Mit einer Auslegeordnung in der Standortbestimmung erfährt der Kunde Klarheit und kann die nächsten Schritte angehen. Wir möchten den Kunden befähigen, dass er «seine Stelle» und «seinen Arbeitgeber» findet. Das gelingt nur, wenn seine Werte zu jenen des Arbeitgebers passen und umgekehrt. Das entspricht unserem Leitsatz der Nachhaltigkeit.

Die Wunschstelle eines Stellensuchenden steht aber oft nicht im Einklang mit den Vorstellungen eines Arbeitgebers zu einem Wunschkandidaten …

Den «Fünfer und das Weggli» gibt es auch bei uns nicht. Bei einer ausführlichen Standortbestimmung werden vor allem die fachlichen, persönlichen und sozialen Kompetenzen beleuchtet. Diese intensive Auseinandersetzung zeigt, ob das Tätigkeitsgebiet nach wie vor adäquat ist oder ob eine Neuorientierung angestrebt werden soll. Wenn man weiss, was man kann und wohin man möchte, dann werden die echten Talente sichtbar. Seinen Talenten entsprechend nach neuen Herausforderung zu suchen, bedeutet, seine Stärken herauszustreichen und so zum Wunschkandidaten zu werden. Dass es uns gelingt, den Spagat von der Stellensuche zur Wunschstelle zu schaffen, zeigt unsere Erfolgsquote. Der Stellenantritt für Stellensuchende liegt seit Jahren bei über 75 Prozent.

Weshalb konzentrieren Sie sich auf das «Zielpublikum» der hoch qualifizierten Stellensuchenden?

In unserer Beratung fokussieren wir uns auf hoch qualifizierte Stellensuchende, weil der Ansatz der Unterstützung vielseitiger ist. Viele Führungskräfte und hoch qualifizierte Fachkräfte sind im Bewerbungsprozess ungeübt. Vor allem, wenn sie lange Zeit einem Arbeitgeber treu waren. Die Ansprüche an das Bewerbungsdossier und an die verschiedenen Bewerbungsstrategien sind gerade für Kaderangestellte sehr hoch. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist gross. Das Netzwerk spielt im Bereich der oberen Kaderstellen eine sehr wichtige Rolle. Auch hier leisten wir umfangreiche Unterstützung. Natürlich gehören Kompetenzen wie Lebenslauf, Motivationsschreiben und Interviewtraining dazu, denn die visuelle und inhaltliche Darstellung müssen stimmig sein.

 

Wenn es der Politik und den Arbeitgebern gelingt, die Vielfältigkeit von Handwerk und Akademie praxisorientiert und wissenschaftlich zu erschliessen, wird die Schweiz nach wie vor mit ihrem System eine Vorreiterrolle in Bildung und Arbeit spielen.

Wie kann der hiesige Arbeitsmarkt besser auf das Potenzial der Hochqualifizierten zurückgreifen?

Stellenlosigkeit wird in unserer Gesellschaft noch immer stark stigmatisiert: Eine Persönlichkeit wird zu 80 Prozent über die berufliche Tätigkeit definiert. Der Arbeitsmarkt kann auf das Potenzial hoch qualifizierter Stellensuchender zugreifen, wenn Arbeitgeber Stellenlosigkeit, Brüche im Lebenslauf und ungewöhnliche Lebensläufe positiv und als zusätzliche Erfahrung werten. Berufliche Netzwerke wie LinkedIn und Xing sind zielführende Plattformen für Arbeitgeber. Die Standorte der Regionalen Arbeitsvermittlung führen ebenfalls ein Job-Portal.

In der Schweiz ist eine Tendenz zur Akademisierung zu beobachten. Müssen sich die Arbeitgeber darauf einstellen, praktisches Wissen vermehrt am Arbeitsplatz direkt zu vermitteln?

Das Bildungssystem in der Schweiz ist einmalig. Die Lehre ist nach wie vor sehr beliebt und bildet die Basis der ersten Grundausbildung. Sie ist der erste Schritt in die Berufswelt. Es ist aber auch eine Tatsache, dass für viele Positionen eine höhere Weiterbildung Voraussetzung ist. Sich berufsbegleitend weiterzubilden, ist ein sehr forderndes, aber auch zielführendes System. Somit kann theoretisch erworbenes Wissen direkt angewendet werden. Dies macht den Schweizer Arbeitnehmer sehr attraktiv. Die Tendenz zur Akademisierung wird fortschreiten. Wenn es der Politik und den Arbeitgebern gelingt, die Vielfältigkeit von Handwerk und Akademie praxisorientiert und wissenschaftlich zu erschliessen, wird die Schweiz nach wie vor mit ihrem System eine Vorreiterrolle in Bildung und Arbeit spielen.