«Innovation, Kreativität und Netzwerk sind die Schlüssel zum Erfolg»

Ältere Personen brauchen im Schnitt länger als jüngere, um eine Stelle zu finden. Eine temporäre Begleitung, wie sie das Programm «Tandem 50plus» anbietet, kann älteren Stellensuchenden wertvolle Impulse geben. Rolf Lutz engagiert sich mit viel Leidenschaft als Mentor. Er hat langjährige Erfahrung in der Bankbranche sowie der Unternehmensberatung und erzählt im Interview, wie er seinen Tandempartnern zum Erfolg zu verhelfen versucht und was er von den Arbeitgebern erwartet.

Wie läuft ein Tandem zwischen einer über 50-jährigen stellensuchenden Person und Ihnen als Mentor genau ab?
Es beginnt mit einem Einführungsgespräch, um zu sehen, ob die Chemie zwischen der stellensuchenden Person und dem Mentor stimmt. Dann steht zunächst Basisarbeit an: Wir feilen gemeinsam an CV und Motivationsschreiben, sprechen über den Umgang mit der schwierigen Situation und mit Absagen, erarbeiten eine Strategie und definieren Meilensteine. Danach geht es wöchentlich bis zweiwöchentlich in Workshops von rund zwei Stunden um Themen wie beispielsweise das Vorstellungsgespräch: Wie wirke ich auf den potenziellen Arbeitgeber? Wie überzeuge ich ihn? Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen? Zusammen mit einem befreundeten Unternehmer führe ich jeweils ein fiktives Bewerbungsverfahren mitsamt Vorstellungsgespräch durch. So erhält die stellensuchende Person ein direktes 360-Grad-Feedback aus der Praxis. Abgeschlossen wird das Tandem mit einem rück- und ausblickenden Gespräch. Das Ziel ist schliesslich, dass der Mentee nach den vier Monaten intensiver Arbeit fit ist, den Prozess selbstständig weiterzuführen – wenn er nicht bereits eine Stelle gefunden hat.

Was sind Ihres Erachtens die Erfolgsfaktoren, damit es mit einer Anstellung klappt – und wie können Sie als Mentor dazu beitragen?
Innovation und Kreativität sowie das Netzwerk sind die Schlüssel zum Erfolg. Damit meine ich, neben klassischen Bewerbungen alternative Wege zu gehen, es zum Beispiel mit Blindbewerbungen zu versuchen und das eigene Netzwerk gezielt zu nutzen. Auch das thematisieren wir, indem ich die Mentee eine Liste ihrer beruflichen Kontakte erstellen lasse, sie zum regelmässigen Besuch von branchenspezifischen Veranstaltungen auffordere und mit ihnen die durchdachte Ansprache möglicher Türöffner übe. Eine zentrale Rolle spielt zudem die Motivation, die verständlicherweise nach zahlreichen Absagen irgendwann nachlässt. Da hilft es, sich die Haltung anzueignen: ‹Ich bin nicht arbeitslos; mein momentaner Job ist die Stellensuche.› Denn es ist wirklich so. Ebenfalls ein entscheidender Punkt ist, die verschiedenen Aktivitäten, die schliesslich zum Erfolg führen sollen, in einen strukturierten Tagesablauf zu bringen und systematisch vorzugehen.

Was hat Sie dazu bewogen, sich als Mentor zur Verfügung zu stellen?
Ich hatte den Wunsch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, indem ich mich irgendwo freiwillig für andere Menschen engagiere. Als ich in der Zeitung vom Programm Tandem las, fühlte ich mich sofort angesprochen. Man kann sehr direkt Menschen in einer schwierigen Situation helfen und in wenig Zeit viel bewegen. Ausserdem wird einem grosse Wertschätzung entgegengebracht. All das ist bereichernd. Ideal finde ich auch, dass ich mich mit meinem Alter und meiner Erfahrung gut in die stellensuchende Person hineinversetzen kann.

Inwiefern profitieren Sie persönlich von der Begleitung älterer Stellensuchender?
Mich fordern die Tandems immer – im positiven Sinn – stark heraus: durch die Situationen und Probleme, die ich antreffe, aber auch durch die Aufgabe, die Motivation beim Gegenüber hochzuhalten. Ich versuche, Absagen jeweils ins richtige Licht zu rücken: Wenn sich zum Beispiel 100 Personen auf eine Stelle bewerben, geht es 98 anderen gleich wie meinem Mentee. Ich wachse selber auch an diesen Erfahrungen.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf sowohl bei den Arbeitgebern als auch bei den älteren Arbeitnehmenden, um die Integration in den Arbeitsmarkt noch zu verbessern?
Älteren Personen auf Stellensuche rate ich, innovativ und kreativ vorzugehen. Dazu gehört für mich auch, über Alternativen nachzudenken für den Fall, dass es länger nicht klappen will. Das kann bedeuten, den Suchradius zu erweitern, sich auf Stellen in anderen Branchen, mit anderen Aufgaben oder mit einem anderen Pensum zu bewerben, oder aber auch eine selbstständige Tätigkeit ins Auge zu fassen. Wichtig scheint mir zudem, einmal die Perspektive zu wechseln und sich in die Rolle des Arbeitgebers zu versetzen, der eine Vakanz zu besetzen hat. An dessen Adresse sage ich, dass ältere Arbeitnehmende enorm motivierte, bewegliche und loyale Mitarbeitende mit einem riesigen Erfahrungsschatz, breitem Netzwerk und grosser Menschenkenntnis sind. Wenn ein Arbeitgeber die Stellenbesetzung strategisch angeht, sieht er den Mitarbeitenden in seinem gesamten Wert für das Unternehmen.