Lehrstellen unter der Lupe

25. August 2011,  Meinungen

Trendwende auf dem Lehrstellenmarkt: Das Angebot ist dieses Jahr grösser als die Nachfrage. Das stellt auch das Bildungssystem vor neue Herausforderungen.

Das Lehrstellenbarometer hat bereits im April ein Lehrstellenangebot angezeigt, das deutlich über der Zahl der interessierten Jugendlichen liegt. Konkret steht einem Angebot von 81 000 Lehrstellen eine Nachfrage von rund 77 000 Jugendlichen gegenüber. Das ist ungewöhnlich für diesen Zeitpunkt. In den vergangenen Jahren diagnostizierte dieser Indikator immer einen mehr oder weniger ausgeprägten Nachfrageüberhang, der sich im Laufe der Rekrutierungsperiode durch zusätzliche Angebote der Unternehmen tendenziell ausgeglichen hat. Was für die lehrstellensuchende Jugend Vorteile bietet, stellt unser Bildungssystem vor neue Herausforderungen. Denn das ganze Jahrzehnt wird – bei markanten regionalen Unterschieden – durch rückläufige Schulabgängerzahlen geprägt sein.

Qualität statt Quoten
Der Wettbewerb um die jungen Talente hat eingesetzt. Nicht nur zwischen den einzelnen Unternehmen und Berufen – auch zwischen der Berufsbildung und den Gymnasien. Nun braucht es faire Spielregeln. Denn die demografischen Veränderungen wirken mit voller Wucht auf die Berufsbildung, aber nur abgeschwächt auf die Gymnasien. Der stark prestigegetriebene Drang zur den Gymnasien und deren Spielräume in der Zulassungspraxis führen dazu, dass es den Schulen gelingt, sich auch angesichts schrumpfender Kohorten eine recht stabile Kundschaft zu sichern.

Der Griff in den planwirtschaftlichen Giftschrank zu Quoten scheint unter diesen umgekehrten Vorzeichen neu auch für die Berufsbildungsszene verführerisch: Wieso nicht die Anzahl der Maturanden limitieren? Traditionellerweise sind es ja eher die Akademiker-Lobbys, die Quoten fordern – nämlich höhere Maturaquoten. Jetzt ist es konsequenterweise an der Politik, den Zusammenhang zwischen Lehrstellenmarkt und gymnasialer Zulassungspraxis zu diskutieren. Wer keine quantitativen Beschränkungen möchte, der muss eben auf Qualität achten. Die Erkenntnis, dass Maturanden aus Kantonen mit tiefen Maturitätsquoten bei Leistungstests besser abschneiden als aus solchen mit hohen, zeigt den Handlungsbedarf bei der Zulassung zu Gymnasien.

Die Wirtschaft braucht Lehrlinge und Fachkräfte
Auch eine starke Verankerung des Berufswahlunterrichtes in den Lehrplänen der Volksschule ist nun besonders nötig. Weiter zur Schule oder in die Berufsbildung? Wer sich mit den heutigen Möglichkeiten auseinandersetzt, ist oft erstaunt, was für ein breites Spektrum an Karriereperspektiven sich durch die berufsbezogenen Ausbildungswege eröffnet. Ein optimales Funktionieren des Lehrstellenmarktes und damit des Berufsbildungssystems liegt nicht nur im Interesse der Lehrbetriebe, die auf motivierte und leistungsfähige Lernende angewiesen sind, sondern ist auch im Interesse einer starken und leistungsorientierten Allgemeinbildung.

Mit Blick auf den Fachkräftemangel, der sich noch verschärfen wird, ist es zudem von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung, dass Ausbildungen gezielt und arbeitsmarktnah erfolgen. Auch das Kostenargument spricht für eine bewusste Ausbildungswahl und insbesondere für die moderne und qualitativ hochstehende Berufsbildung: Allein für die berufliche Grundbildung investiert die Wirtschaft gegen 5 Milliarden Franken jährlich. Dafür braucht sie jedoch geeignete Lernende.