«Die Inflation von Master-Titeln verwässert das System»

In Tat und Wahrheit habe sich die Transparenz der Abschlüsse für die Arbeitgeber nicht erhöht, sagt Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, zu den Auswirkungen der Hochschulreform «Bologna».

Was ist «Bologna» aus Sicht des Werkplatzes Schweiz?
Bologna ist eine Realität, mit der sich die Arbeitgeber gut arrangiert haben und die wohl kaum mehr wegzudenken ist. Ich erkenne aber auch keinen entscheidenden direkten Impact auf die Arbeitgeber. Der Werkplatz Schweiz profitierte schon immer von guten und wirtschaftsnahen Bildungsstätten, also den höheren Fachschulen wie zum Beispiel den Technikerschulen, den Fachschulen und den ETH, sowie den Möglichkeiten eidgenössisch anerkannter Abschlüsse wie zum Beispiel die Industriemeister auf Tertiärstufe.

Leistet Bologna einen konkreten Beitrag zur Behebung des Fachkräftemangels?
Natürlich leistet das Hochschulsystem einen wichtigen Beitrag zur nötigen Höherqualifizierung der Erwerbsbevölkerung. Ob dies mit Bologna unter dem Strich besser – also effizienter und effektiver – gelingt als vorher, ist für mich unklar. So hat sich die Studiendauer in einigen Bereichen wie Wirtschaft, Naturwissenschaft und Recht an den Universitäten eher verlängert. Viele Uni-Abgänger mit Bachelor haben es nicht einfach, eine ihrer Ausbildung adäquate Stelle zu finden. Der Master bleibt also der Regelabschluss. Den Absolventen der Fachschulen gelingt der Einstieg in die Arbeitswelt dagegen naturgemäss sehr gut.

Was könnte man im jetzigen Bologna-System besser machen?
Bologna war keine direkte Antwort auf die Bedingungen im schweizerischen Bildungs- und Arbeitsmarkt. Europäische Länder wollten ihre Bildungssysteme stärker auf den Arbeitsmarkt ausrichten und taten dies mit einer Hochschulreform. In der Schweiz haben wir ein stark ausgebautes Berufsbildungssystem, das die arbeitsmarktrelevanten Kompetenzen beziehungsweise die «berufsbefähigenden Abschlüsse» vermittelt. Die Abstimmung von Berufsbildungssystem und Hochschulsystem ist daher meines Erachtens durch Bologna nicht einfacher geworden. Mit den ETCS-Punkten und den zweistufigen Abschlüssen hat man einfach kommunizierbare «Währungen» und Titel gefunden. In Tat und Wahrheit hat sich die Transparenz der Abschlüsse für die Arbeitgeber jedoch nicht erhöht, sondern eine Inflation von Master-Titeln aller Art verwässert das System.

Was sind Ihre Forderungen an die Bildungspolitik?
Es ist ein Anliegen unseres Verbands, dass die Profile der Angebote auf der Tertiärstufe geschärft werden. Die Universitäten, Fachschulen und die höhere Berufsbildung sowie Weiterbildungsabschlüsse sollen eigene Charakteristiken mit Stolz hervorheben und nicht hinter einem Master-Titel verstecken. Auch ein verstärkter konstruktiver Dialog zwischen Hochschulpolitik und Berufsbildung wäre dazu wünschenswert.

Das Interview mit Valentin Vogt ist in der Handelszeitung erschienen.