Klarsicht Wirtschaft

Der Lohnherbst bringt ein Kaufkraftplus – und altbekannte Behauptungen

Pünktlich zum Lohnherbst kehren neben überhöhten Forderungen auch altbekannte Behauptungen zurück: Die Unternehmen behielten die Produktivitätsgewinne auf Kosten der Arbeitnehmenden für sich. Oder: Die Krankenkassenprämien stiegen stärker als die Löhne, weshalb es einen kräftigen Lohnaufschlag brauche. Warum stimmen beide nicht, und wie viel Lohn liegt 2027 drin?

Klipp und klar

  • Für 2027 prognostiziert das KOF-Institut derzeit 1 Prozent Nominallohnerhöhung. Da die Teuerung tief ausfallen dürfte, ist auch nächstes Jahr mit einer Erhöhung der Kaufkraft zu rechnen.
  • Lohnerhöhungen variieren stark je nach Branche und Betrieb.
  • Die Behauptung, die Unternehmen würden die schwierige Wirtschaftslage als Vorwand nutzen, um bei den Löhnen zu sparen und die Produktivitätsgewinne für sich zu behalten, ist falsch. Bei korrekter Vergleichsgrösse stiegen die Reallöhne seit 2014 stärker als die Produktivität.
  • Die Krankenkassenprämien sind für viele eine Belastung. Sie steigen prozentual zwar stärker als die Löhne. Bei einem durchschnittlichen Haushalt ist der Lohnzuwachs in Franken jedoch grösser als der Anstieg der Krankenkassenprämien.

 

Wie viel Lohn liegt für 2027 drin?

Das KOF-Institut prognostiziert für 2027 ein Nominallohnwachstum von 1,0 Prozent. [1] Nominal heisst: der Betrag auf der Lohnabrechnung, bevor die Teuerung abgezogen wird. KOF-Institut und Expertengruppe des Bundes schätzen die Teuerung für 2027 auf 0,6 Prozent. Damit bleibt ein reales Plus von 0,4 Prozent (Abbildung 1). Der Schweizerische Arbeitgeberverband hält diese Grössenordnung der durchschnittlichen Lohnerhöhung für plausibel.

Dass die erwartete Lohnerhöhung moderat ausfällt, spiegelt die wirtschaftliche Realität: KOF und Bund erwarten für 2026 ein schwaches Wirtschaftswachstum von unter 1 Prozent. Neuste provisorische Daten des SECO deuten zwar darauf hin, dass das Wachstum im zweiten Quartal 2026 höher ausfällt als erwartet. Dies dürfte aber vor allem auf Sondereffekte aus der Chemie- und Pharma-Branche zurückzuführen sein. Ein breiter Aufschwung ist das derzeit noch nicht. Auch sehen die Prognosen für 2027 wieder etwas besser aus, doch in der aktuellen geopolitischen Lage sind negative Überraschungen jederzeit möglich. Aufgrund der Unsicherheit müssen viele Unternehmen auch bei Lohnerhöhungen vorsichtig sein. Steigende Löhne lassen sich bei schlechter Auftragslage kaum zurücknehmen. In unsicheren Zeiten geht die Sicherung der Arbeitsplätze vor.

Für einen einzelnen Haushalt sagt diese Zahl von «1 Prozent Lohnerhöhung» indes wenig aus – sie ist ein Durchschnittswert. Branchen und Betriebe haben sehr unterschiedliche Möglichkeiten für Lohnerhöhungen. Ein Unternehmen mit vollen Auftragsbüchern hat mehr Spielraum als eines, das etwa mit Zöllen oder schwacher Auslandsnachfrage kämpft. Dies verdeutlichen auch die Zahlen für 2025: Die Differenz zwischen den Branchen mit den höchsten und den tiefsten Lohnerhöhungen betrug 2,9 Prozentpunkte.

Aus einem ähnlichen Grund darf man auch einzelne Jahre nicht überbewerten. Aus Sicht der Unternehmen ist das verständlich: In schwierigen Zeiten müssen Betriebe beim Lohn zurückhaltender sein. Läuft das Geschäft wieder besser, können sie das mit höheren Anpassungen nachholen.

Das Gleiche gilt für die gesamte Wirtschaft. Löhne unterliegen konjunkturellen Zyklen. Aussagekräftig ist deshalb erst der Blick über mehrere Jahre und der Vergleich mit anderen Ländern. Wie kürzlich in diesem Blog beschrieben, steht die Schweiz im internationalen und langfristigen Vergleich hervorragend da.

Abbildung 1: Jährliche Veränderung der Nominal- und Reallöhne, 2014 bis 2027. Dieselben Daten als Jahresveränderung. Drei Jahre mit Reallohnverlusten (2021 bis 2023) stehen zwei starken Jahren gegenüber, 2024 mit 0,7 und 2025 mit 1,6 Prozent. Für 2026 und 2027 zeichnen sich 0,6 und 0,4 Prozent ab. Prognose: KOF-Institut Sommer 2026 / SECO Konjunkturprognose Sommer (Teuerung).

Profitieren die Arbeitgeber von den Produktivitätsgewinnen auf Kosten der Arbeitnehmenden?

Das wirtschaftliche Umfeld war ganz offensichtlich schwierig. Trotzdem behaupten Gewerkschaften regelmässig, die Unternehmen nutzten die Lage als Vorwand, um die Lohnkosten tief zu halten. Sie behielten die Gewinne für sich und ihre Aktionäre. Als Beleg führen sie an, die Produktivität wachse stärker als die Löhne.

Dieser Vorwurf macht schon aus theoretischen Gründen wenig Sinn. In einem Umfeld mit strukturellem Arbeitskräftemangel (auch wenn dieser konjunkturell derzeit weniger ausgeprägt ist) können die Unternehmen die Löhne kaum drücken. Wer Arbeitskräfte halten will, muss sie angemessen bezahlen.

Abbildung 2: Reallohn und Produktivität je Arbeitsstunde, Index 2014 gleich 100. Bei gleicher Bezugsgrösse laufen die beiden Linien eng beieinander, der Reallohn zuletzt sogar leicht darüber. Die Werte ab 2024 beruhen auf Schätzungen. (Quelle: SECO, BFS; eigene Berechnungen.)

Auch die empirische Evidenz spricht klar gegen diese Behauptung. Abbildung 2 zeigt Reallöhne und Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde. Der Reallohn entspricht hier dem deflationierten Arbeitnehmerentgelt, also der gesamten Lohnsumme der Volkswirtschaft, geteilt durch die geleisteten Arbeitsstunden. Die Arbeitsproduktivität entspricht der Wirtschaftsleistung, dem BIP, ebenfalls geteilt durch die Arbeitsstunden. Damit sind die beiden Grössen vergleichbar.

Die beiden Grössen verlaufen weitgehend parallel. In den letzten Jahren stiegen die Reallöhne sogar stärker. Zudem zeigt sich, dass die Löhne in Krisenzeiten, etwa während der Covid-Pandemie oder der Energiemangellage, stärker steigen als die Produktivität. Das ist nachvollziehbar: Löhne müssen auch in schwierigen Zeiten (grossmehrheitlich) bezahlt werden, Gewinne hingegen nicht.

Diese Beobachtung ist deckungsgleich damit, dass die Lohnquote in der Schweiz hoch ist und tendenziell steigt (siehe auch Artikel in «Der Volkswirtschaft» über einen längeren Zeitraum). Die Lohnquote beschreibt den Anteil der Löhne an der gesamten Wirtschaftsleistung im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung (also inklusive Unternehmensgewinnen). In keinem anderen Land profitieren die Arbeitnehmenden so stark von der Wirtschaftsleistung wie in der Schweiz.

Auch in den mageren Lohnjahren 2021 bis 2023 haben die Arbeitgeber also nicht zulasten der Arbeitnehmenden profitiert. Es waren schlicht für beide Seiten schwierige Jahre.

Weshalb kommen Gewerkschaften zu einem anderen Schluss? Sie messen die Lohnentwicklung mit dem Schweizerischen Lohnindex. Obwohl dieser für bestimmte statistische Zwecke wichtig ist, eignet er sich methodisch nicht für einen direkten Vergleich mit der volkswirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung. Entsprechend unzulässig ist es, aus dieser Gegenüberstellung abzuleiten, die Arbeitgeber würden die Löhne künstlich tief halten und sämtliche Produktivitätsgewinne einbehalten.

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Der Lohnindex beobachtet die Lohnentwicklung bei gegebener Arbeitsstruktur. Lohnerhöhungen, die dadurch entstehen, dass Menschen befördert werden oder in besser bezahlte Tätigkeiten wechseln, werden nicht berücksichtigt. Auch das BFS hält fest, dass ein Lohnvergleich umso unzuverlässiger wird, je länger die betrachtete Zeitspanne ist. Da der Index die Aufstiege ausklammert, unterschätzt er die tatsächliche Lohnentwicklung dabei systematisch. In der Produktivitätsstatistik werden diese Veränderungen hingegen erfasst. Das untergräbt die Vergleichbarkeit.

Zudem gilt der Lohnindex für eine Vollzeitstelle und nicht für eine Arbeitsstunde. Da die Arbeitszeit einer Vollzeitstelle laufend sinkt, etwa durch kürzere vertragliche Arbeitszeiten, mehr Ferien und weniger Überstunden, steigen die Stundenlöhne stärker, als es der Lohnindex zeigt. Die Arbeitsproduktivität hingegen wird korrekterweise pro Arbeitsstunde gemessen.

Hinzu kommen methodische Fragezeichen beim Lohnindex. Die Berechnung beruht auf Daten der Unfallversicherung und umfasst daher nur die Löhne verunfallter Personen. Ob diese Auswahl durchgehend repräsentativ und über die Zeit hinweg stabil ist, bleibt offen. Besonders stutzig machte etwa, dass der Lohnindex für 2021 sinkende Nominallöhne auswies, also tiefere Beträge auf der Lohnabrechnung (siehe Abbildung 1). Das ist ökonomisch kaum vorstellbar. Unternehmen bauen eher Stellen ab, als Löhne zu senken.

Kurz: Wer die Lohnentwicklung mit der Arbeitsproduktivität vergleichen will, darf dazu nicht den Lohnindex verwenden.

Müssen steigende Krankenkassenprämien über höhere Löhne ausgeglichen werden?

Bleibt der Punkt, der viele Haushalte am stärksten beschäftigt. Wer im Herbst den Brief der Krankenkasse öffnet, spürt die Prämie unmittelbarer als jede Lohnstatistik.

Das Bundesamt für Statistik berechnet die Belastung jedes Jahr in Franken. Grundlage ist das gesamte verfügbare Einkommen eines Haushalts: Erwerbseinkommen (Löhne), Renten und Zinsen nach Abzug von Steuern und Beiträgen. Für 2025 zeigt die Rechnung: Pro Person wäre das verfügbare Einkommen monatlich um 48 Franken gewachsen. Der Prämienanstieg kostete davon netto 12 Franken, nach Abzug der ebenfalls gestiegenen Prämienverbilligung. Es blieb ein Plus von 36 Franken.

Unter dem Strich dämpfte der Prämienanstieg das Wachstum des verfügbaren Einkommens um 0,3 Prozentpunkte, von 1,0 auf 0,7 Prozent. Die Prämien belasten also spürbar, kehren das Plus beim verfügbaren Einkommen aber nicht in ein Minus.

Manche fordern stärkere Lohnerhöhungen, um diesen Prämienanstieg auszugleichen. Doch jeder Betrieb muss eine Lohnerhöhung erwirtschaften. Steigende Prämien machen ihn weder produktiver noch schaffen sie zusätzlichen Ertrag. Wie oben gezeigt, verfügen Unternehmen nicht über unbegrenzte Reserven. Produktivitätsgewinne kommen den Arbeitnehmenden bereits heute überdurchschnittlich stark zugute. Eine Prämienkompensation über die Löhne liesse sich nur durch Stellenabbau oder höhere Preise finanzieren.

Der Grund für steigende Prämien liegt ohnehin nicht in der Finanzierung, sondern beim Bezug der Leistungen. Die Prämien wachsen, weil wir mehr Gesundheitsleistungen beziehen. Das kostet, und die Prämie bildet diese Kosten ab.

Wer die Belastung senken will, muss deshalb bei den Kosten ansetzen, nicht bei der Art ihrer Finanzierung. Über die Löhne verschiebt man das Problem nur, verteuert die Arbeit und gefährdet Arbeitsplätze.

Fazit

Für 2027 ist derzeit rund 1 Prozent mehr Nominallohn im Durchschnitt realistisch. Dank tiefer Teuerung wächst die Kaufkraft weiter. Dabei gilt es zu beachten, dass je nach Betrieb die Vorzeichen für Lohnrunde anders aussehen.

Die Produktivitätsgewinne kommen den Beschäftigten zugute. Das reale Arbeitnehmerentgelt pro Stunde wuchs seit 2014 mindestens so stark wie die Produktivität. In den mageren Lohnjahren 2021 bis 2023 profitierten die Arbeitgeber nicht auf Kosten der Arbeitnehmenden. Und die Prämienlast, so belastend sie für gewisse Haushalte ist, lässt sich nicht über die Löhne lösen, sondern nur bei den Gesundheitskosten.

Wie hoch die Schweizer Löhne im internationalen Vergleich sind, zeigt unser Beitrag «Schweizer Löhne: höher, dynamischer, gerechter als oft behauptet».

[1]Gemäss Umfrage des KOF-Instituts rechnen Betriebe im Schnitt gar mit 1,2 Prozent Nominallohnerhöhung. Auch diese Grössenordnung scheint plausibel.