Klarsicht Wirtschaft

Demografie ist stärker als Fleiss: Wieso wir zur Sicherung unseres Wohlstands ein höheres Rentenalter brauchen

Klipp und klar

  • Oft heisst es, die Schweiz müsse das Rentenalter nicht erhöhen, weil wir schon mehr arbeiten als andere Länder.
  • Es stimmt: Die Jahresarbeitszeit und die Lebensarbeitsstunden sind im europäischen Vergleich hoch – aber auch die Lebenserwartung und der Lebensstandard vor und nach der Pensionierung.
  • Im Gesamtpaket (Arbeitsjahre, Rentenjahre, Lebensstandard) steht die Schweiz hervorragend da. Damit das so bleibt, ist ein höheres Rentenalter notwendig.

 

Ausgangslage

Einmal mehr muss die Schweiz ein Sonderfall sein – mit Sozialwerken, die immun sind gegen jedwede demografische Entwicklung. Während weite Teile der westlichen Welt das Rentenalter erhöhen, flüchtet sich die Schweiz in Massnahmen, die vor allem die Jungen belasten. «Strukturelle Massnahmen» sind für den Bundesrat selbst im Rahmen der nächsten grossen AHV-Reform («AHV2030») kein Thema. In anderen Ländern, die uns in Sachen Nachhaltigkeit der Sozialvorsorge weit voraus sind, sieht das anders aus.

In Dänemark etwa wurde das Renteneintrittsalter diesen Sommer – nota bene unter einer sozialdemokratischen Regierungschefin – mit deutlicher Mehrheit auf 70 Jahre festgelegt und an die Lebenserwartung gekoppelt. In den Niederlanden gilt Rentenalter 67 und es ist ebenso an die durchschnittliche Lebenserwartung gekoppelt.

In der Schweiz ist – wie erwähnt – trotz vergleichbarer Demografie eine Rentenaltererhöhung bislang kein Thema. Die Einwände gegen ein höheres Rentenalter sind dabei vielfältig. Neben dem Verweis auf einen angeblich nicht für ältere Arbeitnehmende gerüsteten Arbeitsmarkt (hier widerlegt) taucht regelmässig das Argument auf, in der Schweiz werde ohnehin schon sehr viel gearbeitet.

Andere Länder müssten ihr Rentenalter erhöhen, weil dort vor der Pension weniger gearbeitet wird. Wir dagegen seien schon am Anschlag – wir hätten uns dank unserem Fleiss den gleichbleibend frühen Ruhestand gewissermassen verdient. Von Gewerkschaftsseite wird oft Frankreich als Vergleich herbeigezogen – nach dem Motto: Wenn es dort geht, müsste es hier doch auch möglich sein.

Das Argument klingt bequem – doch berücksichtigt das auch die lange Rentenzeit und unseren überdurchschnittlichen Wohlstand?

Spoiler Alert: Nein.

Viele Arbeitsjahre …

Zunächst: Es stimmt, dass die Zahl der Arbeitsjahre in der Schweiz im europäischen Vergleich tatsächlich hoch ist. 2023 waren es bei den Männern 44,8 Jahre (aus Gründen der Vergleichbarkeit liegt der Fokus auf Männern). In den ausgewählten Vergleichsländern in Abbildung 1 liegen nur die Niederlande mit 45,7 Jahren noch etwas darüber. In Deutschland sind es 41,4 Jahre.

Die Anzahl der Arbeitsjahre setzt sich zusammen aus dem Einstieg in den Arbeitsmarkt, der dank der Berufsbildung in der Schweiz im Durchschnitt früh erfolgt, und dem tatsächlichen Austritt aus dem Arbeitsmarkt, also der Pensionierung. Das heisst auch: Länder, die ältere Menschen gut in den Arbeitsmarkt integrieren – wie die Schweiz –, weisen auch mehr Arbeitsjahre auf.

… aber auch viele Jahre in Rente

Diese Arbeitsjahre dürfen nicht «nackt» betrachtet werden. Ebenso relevant ist, wie viele Jahre danach noch in Pension verbracht werden dürfen – also das Zusammenspiel von Renteneintrittsalter und Lebenserwartung.

Und hier dreht sich das Bild: Dank der hohen Lebenserwartung sind Männer in der Schweiz lange in Pension. Im Schnitt rund 21 Jahre. In Deutschland sind es rund 19 Jahre, in Frankreich – dank tieferem Rentenalter – rund 23 Jahre.

Rechnet man nun aus, wie viele Jahre wir für ein Jahr in Rente arbeiten müssen, sieht die Bilanz so aus (siehe Abbildung 2): In der Schweiz sind es rund 2,2 Arbeitsjahre pro Rentenjahr. Damit spielen wir in etwa in der gleichen Liga wie Deutschland und sind leicht vor Dänemark, Schweden oder den Niederlanden – noch vor den in diesen Ländern bereits beschlossenen Reformen.

In einer anderen Liga spielen nur Frankreich und Italien, wo wesentlich weniger Arbeitsjahre auf ein Rentenjahr kommen. Kein Zufall: Frankreich verfügt über ein Renten- und Sozialversicherungssystem am Anschlag – rein umlagefinanziert, bei alternder Bevölkerung und einem zu tiefen Rentenalter, was die Staatsverschuldung zusätzlich antreibt. Italien steht kaum besser da. Beide Länder sind warnende Beispiele dafür, was passiert, wenn Reformen zu spät oder zu zögerlich kommen.

Viele Arbeitsstunden …

Vermutlich dürfte jetzt das Argument kommen, dass andere Länder früher Feierabend machen und insgesamt weniger Stunden leisten. Tatsächlich zeigt auch ein Blick auf die Arbeitsstunden beträchtliche Unterschiede, auch wenn die Vergleichbarkeit der Daten nicht über alle Zweifel erhaben ist.

Die effektive Jahresarbeitszeit ist in der Schweiz (2023) mit 1’531 Stunden pro Jahr hoch. Der Teilzeitanteil von 24 Prozent ist hier bereits eingerechnet. Zum Vergleich: Deutschland begnügt sich mit 1’331 Stunden. Auf ein (männliches) Erwerbsleben hochgerechnet sind das in der Schweiz rund 69’000 Arbeitsstunden, in Deutschland bloss 55’000.

Setzt man diese Arbeitsstunden wiederum ins Verhältnis zu den Rentenjahren, landet die Schweiz wieder in etwa im gleichen Team wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande. Die Schweiz arbeitet viel, aber ähnlich viel wie vergleichbare Länder, wenn man das gesamte Leben in den Blick nimmt (siehe Abbildung 3).

… die sich überproportional auszahlen

Arbeitsjahre und Arbeitsstunden sind nur der Input. Spannend wird es beim Output: Was kommt für die Menschen heraus – während des Erwerbslebens und danach?

Die Schweiz gehört bekanntlich zu den Ländern mit den höchsten Erwerbseinkommen der Welt – auch kaufkraftbereinigt. In kaum einem anderen Land können sich Menschen mit einer Stunde Arbeit so viel leisten, wie in der Schweiz.

Dies beschränkt sich nicht nur auf die Zeit im Erwerbsleben. Auch im Alter ist der Lebensstandard hoch, wie ein Blick auf die kaufkraftbereinigten Medianeinkommen zeigt (siehe Abbildung: 4). Und diese unterschätzt die Höhe noch, weil Kapitalauszahlungen aus der zweiten Säule, die viele Rentnerinnen und Rentner zusätzlich beziehen, nicht erfasst werden, da sie nicht als Einkommen gelten.

Davon profitieren nicht nur die Reichen. Der international gut vergleichbare Armutsindikator der «materiellen Deprivation» misst, wie vielen Menschen etwas Wichtiges zum Leben fehlt. Dieser ist in der Schweiz auch ab 65 Jahren tief. 1,1 Prozent der Älteren gelten als materiell depriviert. In Deutschland oder Frankreich ist der Anteil rund viermal so hoch (siehe Abbildung 5).

Was heisst das nun alles?

Zurück zur ursprünglichen Frage: Kann die Schweiz auf eine Erhöhung des Rentenalters verzichten, weil hierzulande mehr gearbeitet wird?

  1. Es wird gar nicht so viel mehr gearbeitet als in anderen europäischen Ländern. Arbeitsstunden sind in der Schweiz, wenn man die hohe Lebenserwartung und damit Rentenzeit einbezieht, ähnlich hoch wie in nördlichen Ländern. Und dies, wohlgemerkt, noch ohne, dass dort Reformen zur Erhöhung des Rentenalters voll greifen.
  2. Die etwas zahlreicheren Arbeitsstunden zahlen sich dank hohen Löhnen in einem hohen Lebensstandard vor und nach der Pensionierung aus.
  3. Soll dieser hohe Lebensstandard vor und nach der Pensionierung beibehalten werden, führt kein Weg an einer Erhöhung des Rentenalters vorbei. Die Schweiz ist kein Sonderfall. Auch ihr ist es nicht möglich, sich von grundlegenden demografischen Entwicklungen abzukoppeln. Seit 1948 liegt das Rentenalter der Männer unverändert bei 65 Jahren, während die Lebenserwartung ab 65 um rund acht Jahre gestiegen ist. Zugleich kamen 1948 noch 6,5 Arbeitstätige auf einen Rentner (heute 2,1) und die Anzahl Kinder pro Frau hat sich in derselben Frist halbiert. Um dieser Entwicklung in der Altersvorsorge zu begegnen, gibt es nur drei Stellschrauben: Höhere Abgaben (tieferer Lebensstandard für Erwerbstätige), weniger Leistung (tieferer Lebensstandard für Pensionierte) oder ein etwas höheres Rentenalter.

Fazit

Die Schweiz ist fleissig – aber nicht so fleissig, dass sie die Demografie aushebeln könnte. Wir arbeiten im europäischen Vergleich viel, leben lange und geniessen im Alter und in jüngeren Jahren einen Lebensstandard, der international herausragt. Soll dieses Niveau gehalten werden, führt an einer Anpassung des Rentenalters kein Weg vorbei.

Wer andere Länder als Vorbild nennt, muss deren gesamtes Bild anschauen: geringere Kaufkraft, höhere Altersarmut, deutlich angespanntere Rentenfinanzen. Frankreich und Italien verdeutlichen, wohin grosszügige, aber nicht finanzierbare Modelle führen.

Ein moderat höheres Rentenalter ist deshalb angesichts der deutlich gestiegenen und weiterhin steigenden Lebenserwartung nicht nur vertretbar, sondern die vernünftigste Lösung, um den heutigen Lebensstandard zu schützen – für Erwerbstätige, Familien und Pensionierte.