Sozialpolitik

Das soziale Sicherheitsnetz im Stresstest

Als Sommerserie publiziert der Schweizerische Arbeitgeberverband einzelne Beiträge des kürzlich publizierten Jahresberichts in leicht gekürzter oder aktualisierter Form.

Das Schweizer Vorsorgesystem gilt als stabil, doch seine Tragfähigkeit wird zunehmend auf die Probe gestellt. Demografische Veränderungen und das wiederholte Aufschieben notwendiger Reformen verschärfen die strukturellen Risiken. Die Sicherung dieses zentralen Systems erfordert ehrliche politische Entscheide.

Das Schweizer Vorsorgesystem geniesst zu Recht einen ausgezeichneten Ruf und trägt wesentlich zum sozialen Zusammenhalt und zum Wohlstand des Landes bei. Dieser Erfolg darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im System schleichend strukturelle Risiken aufbauen. Dabei gibt es keinen abrupten Bruch und sichtbaren Kollaps, vielmehr kumulieren die Belastungen über Jahre hinweg. Die Volksentscheide tragen ihren Teil dazu bei, wie im Rahmen der beschlossenen 13. AHV-Rente. Dies führt – wie das UBS-Sorgenbarometer zeigt – zu wachsenden Zweifeln an der Stabilität der Vorsorgewerke.

Demografischer Wandel als zentrale Belastungsprobe
Dieses soziale Sicherheitsnetz ist zwar stabil gebaut, es wird heute aber durch Herausforderungen beansprucht, für die es in dieser Form nicht konzipiert wurde. Namentlich die Demografie bringt es an seine Grenzen. Dies ist zwar schon lange absehbar, doch sowohl die Politik als auch die Bevölkerung vertagen die nachhaltige Problemlösung.

Zunehmender Druck auf AHV und berufliche Vorsorge
Der Druck auf die Altersvorsorge nimmt entsprechend zu. Die AHV steht trotz der AHV21-Reform erneut vor gravierenden Finanzierungslücken. Zusätzliche Leistungsversprechen, die nicht gegenfinanziert sind, verschärfen die Situation weiter. In der beruflichen Vorsorge bleibt die strukturelle Umverteilung von Erwerbstätigen zu Rentnern ungelöst, nachdem notwendige Anpassungen politisch und an der Urne gescheitert sind. Leidtragende sind insbesondere die jüngeren Generationen, deren Vertrauen in die langfristige Verlässlichkeit des Systems zunehmend erodiert. Die Generationengerechtigkeit, ein zentrales Element des Drei-Säulen-Systems, gerät damit immer stärker unter Druck.

Was sich in der Altersvorsorge abzeichnet, ist weniger das Resultat einzelner Fehlentscheide, sondern vor allem Ausdruck eines über Jahre gewachsenen Reformstaus. Die bekannten strukturellen Probleme sind seit Langem identifiziert, ihre politische Bearbeitung bleibt jedoch unvollständig. Anpassungen erfolgen punktuell, grundlegende Weichenstellungen – solche, die das System nachhaltiger machen würden – werden vertagt. Damit steigt nicht nur der finanzielle Druck auf das System, sondern auch die Abhängigkeit von kurzfristigen Finanzierungsmassnahmen.

Diese Entwicklung wird dadurch verschärft, dass die Sozialwerke als Gesamtsystem funktionieren, politisch jedoch häufig isoliert betrachtet werden. Ungelöste Probleme in einem Bereich wirken sich zwangsläufig auf andere aus. Das Nein zur BVG-Reform und die anschliessende Diskussion einzelner Massnahmen aus der gescheiterten Vorlage verdeutlichen diese Problematik: Nur eine ganzheitliche Reform hält das System im Gleichgewicht; isolierte Eingriffe schaffen dagegen ein Ungleichgewicht, was die Systemlogik schwächt.

Reformstau als zentrales Risiko
Der eigentliche Stresstest für das soziale Sicherheitsnetz liegt nicht allein in den demografischen Veränderungen, sondern im politischen Reformstau: Reformen, die zu spät, einseitig oder nur halb umgesetzt werden, drohen die Vorsorgewerke aus der Balance zu bringen. Gleichzeitig wachsen die Kosten für spätere Korrekturen – finanziell wie politisch. Ein System, das über längere Zeit unter struktureller Spannung steht, wird anfällig für abrupte Eingriffe unter Zeitdruck.

Mit Blick auf die anstehende AHV-Reform 2030 steht deshalb eine grundlegende Entscheidung an. Es geht dabei nicht um kurzfristige Entlastungen oder um die Interessen einzelner Gruppen, sondern um den Erhalt eines zentralen gesellschaftlichen Sicherungsnetzes. Angesichts der demografischen Realität führt kein Weg an der Diskussion vorbei, in welcher Form wir es schaffen, das durchschnittliche Rentenalter zu erhöhen. Werden notwendige Reformen weiter hinausgeschoben, drohen gravierende Folgen: Je länger eine ehrliche Diskussion und harte Schritte hinausgeschoben werden, desto schmerzhafter wird es. Packen wir es an – für stabile Vorsorgewerke, für die Generationengerechtigkeit und für den Standort Schweiz.