Klipp und klar
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Die Zuwanderungsdebatte in der Schweiz dreht sich fast immer um dieselben Themen: Wohnungsmarkt, Verkehr, Dichte, Belastung. Alles berechtigte Themen. Nur gerät dabei leicht aus dem Blick, wo der Wohlstand dieses Landes überhaupt entsteht und wo die Zuwanderer arbeiten. Wenn Zuwanderer eher in marktorientierten und produktiven Branchen arbeiten, so ist das ein Indiz, dass Zuwanderung auch tatsächlich den Wohlstand der Schweiz erhöht – ohne nur in die Breite zu wachsen.
Die folgende Analyse untersucht genau das: Wie hat sich die Beschäftigung von Ausländern[1] und Schweizern in unterschiedlichen Branchen zwischen 2010 bis 2024 entwickelt? In welchen Branchen fand ein Beschäftigungswachstum statt und sind Schweizer oder Ausländer dafür verantwortlich.
Dazu werden die Branchen in drei Kategorien eingeteilt: Marktorientiere Branchen (Privatwirtschaft), staatsnahe/regulierte Branchen sowie Kernstaat. Letztere Kategorie besteht aus der öffentlichen Verwaltung von Bund, Kantonen und Gemeinden. Die Daten dazu stammen aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamtes für Statistik (BFS).
Nachfolgende Abbildung 1 gibt einen Überblick, in welchen Branchen die Beschäftigung am stärksten gewachsen ist unabhängig der Herkunft. Wenig überraschend ist vor allem die Gesundheitsbranche gewachsen. Zwischen 2010 und 2024 ist die Zahl der Beschäftigten um über 100’000 Personen gestiegen. Auch die öffentliche Verwaltung verzeichnet ein deutliches Wachstum. In marktorientierten Branchen stechen hingegen vor allem die IT-Branche und Unternehmensdienste heraus.
Abbildung 1: Die Abbildung zeigt, in welchen Branchen zwischen 2010 bis 2024 Beschäftigung geschaffen wurde. Die Branchen sind nach Staatsnähe kategorisiert. Dargestellt sind die Top 3 Branchen nach Beschäftigungswachstum, die restlichen sind unter «Übrige» kategorisiert.
Es fällt ebenfalls auf, dass Kernstaat und staatsnahe Branchen zusammen den grössten Teil des Beschäftigungswachstums ausmachen. Das ist aus Wachstumsperspektive problematisch. Zwar erfüllen auch diese Branchen wichtige gesellschaftliche Funktionen. Niemand möchte auf ein funktionierendes Gesundheitswesen verzichten. Der Wohlstand der Schweiz beruht aber in besonderem Mass auf marktorientierten Branchen, und dort ist die Beschäftigungsentwicklung weniger stark.
Beschäftigungswachstum in der Privatwirtschaft wird getragen von Ausländern
Wie teilen sich Schweizer und Ausländer in diese unterschiedlichen Kategorien auf? Das Bild in Abbildung 2 (siehe unten) ist eindeutig: In den marktorientierten Branchen stammt der zusätzliche Beschäftigungszuwachs fast ausschliesslich von Ausländern. In staatsnahen Bereichen und im Kernstaat stammt dagegen der Grossteil an Beschäftigungszuwachs von Schweizern. Vereinfacht gesagt gehen Arbeitskräfte aus dem Ausland vor allem in die Privatwirtschaft, während viele Schweizerinnen und Schweizer bevorzugt zum Staat oder zu staatsnahen Bereichen gehen.
Das ist wirtschaftlich relevant: Wenn ausgerechnet in diesen Bereichen das zusätzliche Beschäftigungswachstum fast nur aus dem Ausland kommt, dann geht es bei der Zuwanderung nicht nur um mehr quantitative Arbeitskräfte. Es geht auch um die Funktionsfähigkeit der wertschöpfungsintensiven Teile der Wirtschaft.
Bei Schweizern ist die öffentliche Verwaltung auf Platz 3
Wie aber ist das möglich, dass fast nur Ausländer das Beschäftigungswachstum in marktorientierten Branchen tragen. Abbildung 3 gibt Aufschluss darüber. Sie zeigt, in welchen Branchen die Beschäftigung von Schweizern abgenommen hat (rot) und wo sie zugenommen hat (blau).
Insbesondere im Detailhandel und in der Landwirtschaft zeigt sich ein Strukturwandel. Dort hat sich die Beschäftigung von Schweizerinnen und Schweizern negativ entwickelt. Das heisst nicht, dass diese Personen erwerbslos wurden. Oftmals sind dies Abgänge in die Pension. Am stärksten gestiegen ist das Wachstum bei Schweizern in der Gesundheits- und der Betreuungsbranche und dann bei der öffentlichen Verwaltung.
Werden alle diese Zu- und Abgänge über die Branchen addiert beziehungsweise subtrahiert, ergibt sich das Nettowachstum von etwas über 200’000 Beschäftigten.
Abbildung 4 zeigt das gleiche Bild für Ausländerinnen und Ausländer. Bereits auf den ersten Blick fällt auf, dass es wesentlich weniger Abgänge gab und die Beschäftigung von Ausländern netto stärker zugenommen hat als jene von Schweizern (ein Plus von über 300’000). Ein Blick auf die Branchen zeigt, dass auch bei Ausländern die Gesundheitsbranche das stärkste Wachstum verzeichnet. Allerdings folgen auf Platz 2 und 3 Software & IT sowie Unternehmensdienste, also Branchen der Privatwirtschaft.
Abbildung 4: Diese Grafik zeigt die Beschäftigungsentwicklung von Ausländern in den unterschiedlichen Branchen. Rot bedeutet, dass die Beschäftigung zwischen 2010 und 2024 abgenommen hat. Blau bedeutet, dass die Beschäftigung zugenommen hat.
Qualitatives Wachstum dank Zuwanderung?
Zwar wissen wir nicht genau, wie sich der Wohlstand in der Schweiz ohne die Zuwanderung oder die Personenfreizügigkeit entwickelt hätte. Der Fakt, dass Zuwanderer in marktwirtschaftlichen Branchen übervertreten sind, ist aber ein starker Hinweis darauf, dass Zuwanderung nicht nur einfach die Menge an Arbeitskräften erhöht, sondern auch einen qualitativen Einfluss auf die Wirtschaftsleistung hat.
Das deckt sich mit anderen Indizien, etwa damit, dass Zuwanderer den Arbeitsmarkt verjüngen, was tendenziell einen positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit hat. Oder damit, dass Zuwanderer im Schnitt etwas höher ausgebildet sind als Einheimische. Das alles sind Kanäle, welche das Potenzial haben, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
Es bleibt die Frage, weshalb Ausländer eher in die Privatwirtschaft und Schweizer eher in staatsnahe Bereiche drängen. Eine mögliche Erklärung ist etwa, dass bei der öffentlichen Verwaltung die Arbeitsbedingungen sehr attraktiv sind. Gleichzeitig haben Schweizer dort einen Wettbewerbsvorteil, etwa weil sie die Sprache (oder oft auch mindestens eine zweite Landessprache) beherrschen oder ihnen das politische System besser vertraut ist. Möglicherweise ist auch der Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck etwas weniger stark ausgeprägt. Bei Ausländern hingegen gibt es möglicherweise einen Selektionseffekt: Wer die Heimat verlässt, ist unter Umständen eher bereit, auch in einem wettbewerbsintensiven Umfeld zu arbeiten.
Fazit
Die Beschäftigungsentwicklung zeigt ein klares Muster: In den marktorientierten Branchen wurde das zusätzliche Wachstum der letzten Jahre fast nur von Ausländern getragen, während Schweizerinnen und Schweizer stärker in staatsnahen Bereichen und in der öffentlichen Verwaltung zulegten.
Damit rückt ein Punkt in den Vordergrund, der in der Zuwanderungsdebatte oft zu kurz kommt. Es geht nicht nur um die Menge der Zuwanderung, sondern auch um ihre Rolle im Arbeitsmarkt. Gerade die wertschöpfungsintensiven Teile der Schweizer Wirtschaft sind offenbar stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Dazu kommen weitere Tendenzen, etwa die Verjüngung des Arbeitsmarkts und das oft höhere Qualifikationsniveau von Zuwanderern. Beides kann auch Innovationen begünstigen und damit über den reinen Mengeneffekt hinaus wirken.
[1] Ausländer definiert als Personen, die im Ausland geboren wurden.