Klarsicht Wirtschaft

Die «Gesundheitskrise» und der Sündenbock Arbeit: Warum wir genauer hinschauen müssen

Klipp und klar

  • Der Rückgang des Gesundheitsempfindens seit 2020 ist kein spezifisches Arbeitsmarktphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Seit 2020 verläuft er bei Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen nahezu identisch.
  • Die Entwicklung lässt sich nicht mit schlechteren Arbeitsbedingungen erklären: Arbeitszeiten sinken; Ferien und Homeoffice nehmen zu; die Reallöhne steigen.
  • Besonders aussagekräftig ist der Blick auf junge Erwachsene: Der besorgniserregende Anstieg psychisch begründeter IV-Neurenten setzt ein, bevor der Arbeitsmarkt prägend wirkt.

 

Ausgangslage
Die Klage über die stressige Arbeitswelt ist allgegenwärtig. Gewerkschaften warnen vor einer «Gesundheitskrise» und fordern als Antwort kürzere Arbeitszeiten oder strengere Regulierungen. Ein Blick in die Statistik zeigt: Das Gesundheitsempfinden verschlechtert sich tatsächlich. Doch wer die Arbeit reflexartig als Sündenbock brandmarkt, macht es sich zu einfach.

Was sagen die Daten? Ein Blick auf den selbst deklarierten Gesundheitszustand in der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigt einen deutlichen Knick (siehe Abbildung 1). Zwischen 2010 und 2020 war das Bild stabil, danach sinkt das Wohlbefinden – nicht dramatisch, aber auffällig.

Abbildung 1 

Ein Knick, der alle trifft, spricht gegen Faktor Arbeit als Ursache

Wäre die Arbeit die Hauptursache für die gesundheitliche Misere, müssten die Kurven der Erwerbstätigen und der Nicht-Erwerbstätigen auseinanderklaffen. Die Daten zeigen das Gegenteil: Die Verschlechterung verläuft bei Arbeitnehmenden fast deckungsgleich mit jener von nicht Erwerbstätigen, Schülern/Studierenden und Rentnern (welche in den Jahren zuvor sogar von einer Verbesserung profitierten).

Entscheidend ist folglich: Wenn Menschen, die dem Arbeitsmarkt gar nicht ausgesetzt sind, über denselben Gesundheitsrückgang klagen wie Arbeitnehmende, wird die Ursache wohl nicht im Stress, im Büro oder in der Fabrik liegen. Dies spricht eher dafür, dass Belastungen ausserhalb der Arbeit entstehen – und in den Arbeitsalltag mitgenommen werden.

Auch in der öffentlichen Verwaltung zeigt sich dieses Muster (Abbildung 2). Damit verliert die These an Überzeugungskraft, die Ursachen primär der wirtschaftlichen Gewinnmaximierung zuzuschreiben. Wo selbst Institutionen ohne Profitstreben an dieselbe Grenzen stossen, wird der gesamtgesellschaftliche Charakter des Phänomens sichtbar.

Abbildung 2 

Absenzen-Statistik zeigt: Mehr Krankheitstage sind nicht mit «mehr Arbeitsstress» zu erklären

Häufig wird die gestiegene Absenzenquote als Beleg für zunehmenden Arbeitsstress angeführt. Tatsächlich stieg der Anteil krankheitsbedingter Absenzen von 2,8 Prozent im Jahr 2010 auf 3,8 Prozent im Jahr 2024. Dieser Befund ist ernst zu nehmen. Als Beweis für eine arbeitsbedingte Gesundheitskrise taugt er jedoch nicht, auch weil der Anstieg eher kontinuierlich und nicht sprunghaft verläuft (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3

Erklärt werden kann die Tendenz u.a. mit dem Durchschnittsalter. Denn die Erwerbsbevölkerung ist heute älter als noch vor 15 Jahren, wodurch auch die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten steigt. Zudem hat sich der Umgang mit Krankheit verändert: Beschäftigte melden sich eher krank, psychische Erkrankungen werden häufiger diagnostiziert. Steigende Krankheitstage könnten daher theoretisch auch Ausdruck eines Rückgangs des Präsentismus sein – also des Arbeitens trotz Krankheit. Jedoch wird in diesem Zusammenhang ein Anstieg des Absentismus diskutiert («blau machen»). Solche Effekte sind empirisch jedoch schwer zu belegen.

Auch der Branchenvergleich spricht gegen einfache Erklärungen. Wäre Arbeitsstress der zentrale Treiber, müssten Branchen mit Fachkräftemangel besonders stark betroffen sein. Genau das ist nicht der Fall: In Bau, IT, Gastronomie und selbst im Gesundheitswesen blieb der Anstieg unterdurchschnittlich. Überdurchschnittliche Zunahmen zeigen sich hingegen in der öffentlichen Verwaltung sowie im Kredit- und Versicherungsgewerbe. Insgesamt liefern die Daten keine klaren Hinweise darauf, dass die Arbeit als solche der Haupttreiber ist.

IV-Neurentenquote steigt bei jenen mit geringstem Arbeitsmarktkontakt am stärksten

Besonders hellhörig macht die Entwicklung bei den Jüngsten im Arbeitsmarkt. Seit 2017 steigt die Zahl der IV-Neurenten bei den 18- bis 24-Jährigen deutlich an – ein Befund, der gesellschaftlich alarmieren muss.

Auffällig ist: Betroffen sind ausgerechnet jene mit wenig oder keinem Arbeitsmarktkontakt. Bei älteren Altersgruppen zeigt sich kein vergleichbarer Anstieg – obwohl sie der Arbeitswelt deutlich stärker ausgesetzt sind.

Das legt einen differenzierteren Blick auf die Ursachen nahe. Die Zunahme psychischer Probleme verläuft zeitlich parallel zur Allgegenwart sozialer Medien. Auch wenn die Forschung hier noch keine abschliessenden Antworten liefert, deuten Hinweise darauf hin, dass digitaler Dauervergleich und Erwartungsdruck in der Phase der Identitätssuche tiefer wirken könnten als der spätere Büroalltag.

Abbildung 4

Die Arbeitsbedingungen waren nie besser

Auch die These einer stetigen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen hält einer nüchternen Betrachtung kaum stand:

  • Die jährliche, vertragliche Arbeitszeit pro Arbeitsstelle ist von 1’933 Stunden auf 1’888 Stunden gesunken.
  • Die jährliche Zahl der Ferientage ist höher als noch 2010.
  • Home-Office ist für einen grossen Teil der Arbeitnehmenden zum Standard geworden. 2024 arbeiteten 36 % zumindest gelegentlich im Homeoffice, gegenüber 18 % im Jahr 2013.
  • Seit 2010 ist der Reallohn (Kaufkraft) um 6 Prozent gestiegen und das trotz tieferen Arbeitszeiten und mehr Ferien.

Das bedeutet nicht, dass subjektive Belastungen irrelevant wären. Arbeit wird heute von vielen als stressiger im Sinn wahrgenommen. Ein erhöhtes Stressempfinden ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer objektiven Verschlechterung der Arbeit selbst. Menschen bringen ihre Lebensumstände und Erwartungen an den Arbeitsplatz mit – Arbeit ist oft Teil eines grösseren Belastungskontexts, nicht zwingend dessen Ursprung.

Fazit: Gesundheit ernst nehmen – und Fakten ebenso

Natürlich gibt es Fälle, in denen Arbeit krank macht. Diese verdienen Aufmerksamkeit und präventive Massnahmen. Die allgemeine Verschlechterung des subjektiven Gesundheitsempfindens und der Gesundheit jedoch reflexartig dem Arbeitsplatz zuzuschreiben, greift zu kurz. Gesellschaftlicher Druck wirkt nicht selektiv – er wird auch in den Arbeitsalltag hineingetragen. Problematisch wird es dort, wo solche Belastungen pauschal für politische Forderungen instrumentalisiert werden. Wahre Fürsorge beginnt mit Ehrlichkeit in der Ursachenforschung.