«Quoten grenzen aus und setzen bestenfalls falsche Anreize»
Drei Fragen an Martin Kaiser, Ressortleiter Sozialpolitik beim Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV) und Präsident von Compasso, dem Informationsportal für Arbeitgeber zum Thema berufliche Integration.
| Martin Kaiser
Was können Arbeitgeber dazu beitragen, dass der Grundsatz der IV «Eingliederung vor Rente» noch konsequenter umgesetzt wird?
Das Thema der beruflichen Eingliederung von Menschen mit Beeinträchtigungen noch besser im Führungsalltag verankern und den Blick konsequent auf die Ressourcen der (potenziellen) Mitarbeitenden ausrichten. So kann es enorm wertvoll sein, die Erfahrungen eines sehbehinderten Menschen etwa in die Produkteentwicklung einfliessen zu lassen.
Und die betroffenen Arbeitnehmenden?
Motiviert und selbstbewusst, aber gleichzeitig mit einem klaren Verständnis ihrer Möglichkeiten und Grenzen mit dem bisherigen oder einem potenziellen Arbeitgeber die konkreten Herausforderungen angehen. Eine offene und frühzeitige Kommunikation ermöglicht die besten Lösungen.
Was halten Sie von Quoten, die Unternehmen dazu verpflichten würden, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen einzurichten?
Nichts. Quoten dienen dazu, das (politische) Gewissen zu beruhigen, grenzen aus und setzen bestenfalls falsche Anreize. Wir brauchen stattdessen sensibilisierte Arbeitgeber, die aus Überzeugung auch auf die Ressourcen von Menschen mit Beeinträchtigung setzen und professionell handeln. Diese Strategie ist viel nachhaltiger. So konnten in den letzten fünf Jahren gemäss Auswertung der IV-Stellenkonferenz alleine gegen 100’000 bei der IV registrierte Menschen mit einer Beeinträchtigung dank einem koordinierten Vorgehen zwischen Betroffenen, Arbeitgebern und der IV den Arbeitsplatz behalten oder einen neuen finden.
Das Interview mit Martin Kaiser ist in der Mitgliederzeitschrift des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (SBV) erschienen.
Der Schweizerische Arbeitgeberverband begrüsst den eingeschlagenen Weg bei der Reform der Hinterlassenenrenten. Gleichzeitig unterstützt er, dass die Auswirkungen der vom Nationalrat beschlossenen massiven Ausbauvorhaben insbesondere im Behindertengleichstellungsgesetz vertieft untersucht werden. Die neuen Verpflichtungen für Arbeitgeber drohen unverhältnismässige Kosten, Rechtsunsicherheit und Bürokratie zu verursachen, was Inklusion mehr hemmt als fördert. Hier erwarten die Arbeitgeber eine deutliche Korrektur.
Wenn über Arbeitgeberpolitik gesprochen wird, geht es oft um Rahmenbedingungen, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit. Das ist wichtig. Aber ein funktionierender Arbeitsmarkt besteht nicht nur aus guten Rahmenbedingungen. Entscheidend ist, ob Menschen tatsächlich die Chance erhalten, ihre Fähigkeiten einzubringen.
Eine neue Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen untersucht, wie die berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den ersten Arbeitsmarkt verbessert werden kann. Sie zeigt: Arbeitgeber engagieren sich stark, benötigen aber eine konsequentere fachliche Unterstützung durch die IV. Entscheidend sind eine bessere Zusammenarbeit mit den behandelnden Fachpersonen sowie individuelle und betrieblich tragfähige Lösungen.
Der Nationalrat hat zwei Kommissionsinitiativen der SGK-N Folge gegeben, die den Sparbeginn in der beruflichen Vorsorge vorziehen, beziehungsweise die heutigen vier Gutschriftensätze auf zwei reduzieren wollen. Aus Sicht des Arbeitgeberverbands ist das Anliegen dahinter zwar nachvollziehbar, darf aber nicht gesondert angegangen werden, sondern muss in eine umfassende Betrachtung eingebettet werden. Werden Parameter in der beruflichen Vorsorge isoliert verändert, droht das System in Schieflage zu geraten, ohne dass ein klarer Mehrwert entsteht.