Die Erhaltung der Arbeitsmarktfähigkeit bzw. Reintegration beeinträchtigter Menschen funktioniert. Zwischen 2003 und 2013 ging die Zahl der IV-Neurenten um mehr als die Hälfte zurück. Allein 2012 boten die Arbeitgeber weiteren 6000 Menschen mit gesundheitlichen Problemen einen Job an. Der Nationalrat hat nun eine Motion überwiesen, welche diese Anstrengungen verordnen will. Gut gemeint, aber überflüssig – wenn nicht kontraproduktiv. Denn die beabsichtigten staatlichen Massnahmen drohen die bestehenden arbeitgeberseitigen Initiativen unnötig zu konkurrenzieren.
| Barbara Zimmermann-Gerster
Das Engagement zur (Wieder-)Eingliederung beeinträchtigter Menschen in den Arbeitsmarkt zahlt sich aus: Zwischen 2003 und 2013 ging die Zahl der IV-Neurenten um mehr als die Hälfte zurück. Und innerhalb der letzten 10 Jahre hat sich das Verhältnis zwischen Neurenten und Eingliederungsmassnahmen umgekehrt. Dass der Nationalrat nun eine Motion annahm, welche diese Anstrengungen verstärken will, ist an sich positiv. Laut Vorstoss soll der Bundesrat Massnahmen entwickeln, die das «Zurück-an-die-Arbeit»-Management verbessern, indem die Koordination der beteiligten Akteure – IV, Ärzte, Versicherer, Arbeitgeber – vorgeschrieben wird.
Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) engagiert sich selbst stark für die Erhaltung der Arbeitsmarktfähigkeit bzw. Reintegration beeinträchtigter Menschen. So ist er Mitträger der Praxis-Plattform «Compasso» und des Think-Tanks «Früherfassung und Reintegration» – beides Initiativen, die Arbeitgeber, IV, Suva, Privatversicherungen und Behindertenorganisationen vernetzen. Die Absicht des Vorstosses verdient deshalb Unterstützung. Dennoch erachtet der SAV die Motion als überflüssig, wenn nicht kontraproduktiv. Grund: Die allfälligen staatlichen Massnahmen drohen die bestehenden freiwilligen, aber erfolgreichen Aktivitäten unnötig zu konkurrenzieren. Damit würde die Motion dem wichtigen Anliegen «Arbeit vor Rente» einen Bärendienst erweisen.
Ihre Ansprechperson
Barbara Zimmermann-Gerster
Ressortleiterin Sozialpolitik und Sozialversicherungen
Der Schweizerische Arbeitgeberverband begrüsst den eingeschlagenen Weg bei der Reform der Hinterlassenenrenten. Gleichzeitig unterstützt er, dass die Auswirkungen der vom Nationalrat beschlossenen massiven Ausbauvorhaben insbesondere im Behindertengleichstellungsgesetz vertieft untersucht werden. Die neuen Verpflichtungen für Arbeitgeber drohen unverhältnismässige Kosten, Rechtsunsicherheit und Bürokratie zu verursachen, was Inklusion mehr hemmt als fördert. Hier erwarten die Arbeitgeber eine deutliche Korrektur.
Wenn über Arbeitgeberpolitik gesprochen wird, geht es oft um Rahmenbedingungen, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit. Das ist wichtig. Aber ein funktionierender Arbeitsmarkt besteht nicht nur aus guten Rahmenbedingungen. Entscheidend ist, ob Menschen tatsächlich die Chance erhalten, ihre Fähigkeiten einzubringen.
Eine neue Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen untersucht, wie die berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den ersten Arbeitsmarkt verbessert werden kann. Sie zeigt: Arbeitgeber engagieren sich stark, benötigen aber eine konsequentere fachliche Unterstützung durch die IV. Entscheidend sind eine bessere Zusammenarbeit mit den behandelnden Fachpersonen sowie individuelle und betrieblich tragfähige Lösungen.
Der Nationalrat hat zwei Kommissionsinitiativen der SGK-N Folge gegeben, die den Sparbeginn in der beruflichen Vorsorge vorziehen, beziehungsweise die heutigen vier Gutschriftensätze auf zwei reduzieren wollen. Aus Sicht des Arbeitgeberverbands ist das Anliegen dahinter zwar nachvollziehbar, darf aber nicht gesondert angegangen werden, sondern muss in eine umfassende Betrachtung eingebettet werden. Werden Parameter in der beruflichen Vorsorge isoliert verändert, droht das System in Schieflage zu geraten, ohne dass ein klarer Mehrwert entsteht.