«Wissen ist der wichtigste Rohstoff»

Für den in Erlenbach wohnhaften Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, Roland A. Müller, ist die Schweizer Wirtschaft derzeit geprägt von diversen Unsicherheiten. An erster Stelle stehen dabei Frankenstärke und Bilaterale.

Was ist mit der Schweizer Industrie los? Im ersten Halbjahr haben alleine am Zürichsee Weidplas, Sonova und Ruag einen gross angelegten Stellenabbau respektive die Standortschliessung verkündet: Läuten da beim Arbeitgeberverband nicht die Alarmglocken?
Selbstverständlich. Wir machen uns Sorgen darüber, dass sich die negativen Effekte überlagern. Zur Frankenstärke kommt die Unsicherheit wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative respektive zur Zukunft der Bilateralen dazu. Da ist es verständlich, dass sich die Unternehmen überlegen, was sie dagegen tun können. Auch wenn wir im ersten Halbjahr noch nicht viel spürten, sind wir überzeugt, dass sich die Folgen im zweiten Halbjahr zeigen werden. Die Gefahr einer schleichenden Entindustrialisierung ist reell. Sie gilt es, unter allen Umständen, zu verhindern.

Wieso ist das so wichtig?
Es gehört fast schon zur Philosophie von Schweizer Unternehmen, hierzulande zu forschen, zu entwickeln und zu produzieren, aus der Einsicht heraus, dass alles zusammengehört und Synergien schafft. Es braucht relativ viel, bis Stellen verlagert oder zusammengelegt werden. Wenn diese Stellen in der Industrie hierzulande aber nicht mehr vorhanden sind, dann fehlen sie uns in vielerlei Hinsicht. So sind sie etwa auch für unser duales Bildungssystem elementar, welches es jungen Menschen erlaubt, bei entsprechender Neigung auch in handwerklichen Berufen tätig zu sein. Wenn diese Stellen nicht mehr angeboten werden, dann wirkt sich das auf die gesamte Volkswirtschaft aus. Diese Arbeitsplätze kommen nicht mehr zurück.

Heisst das umgekehrt, dass die Gefahr einer Auslagerung der Produktion ins Ausland bei einer hohen Innovationsleistung durch die Industrie in der Schweiz sinkt?
Ja, beides hängt miteinander zusammen, und das Risiko wird dadurch reduziert. Allerdings besteht die Gefahr trotzdem, wenn der Faktor Arbeit durch unattraktive Rahmenbedingungen verteuert wird. Und wenn diese Bedingungen zur Verlagerung der Produktion führen, dann verlieren wir irgendwann auch Forschungs- und Innovationsteile, gerade weil diese Funktionen so eng miteinander verbunden sind.

Wie stark ist der Einfluss der Aufhebung des Euromindestkurses vom Januar?
Das ist ein wichtiges Element, weil es schockartig eingetreten ist und am Anfang auch zu Überreaktionen geführt hat, mit Befürchtungen bis hin zum Massenabbau. Klar ist, die Aufhebung des Euromindestkurses durch die Nationalbank im Januar hat Folgen, die je nach Branche unterschiedlich ausfallen. Alleine schon wegen der Kostensteigerungen in gewissen Betrieben, die zwischen 15 bis 20 Prozent liegen. Es gibt Unternehmen, die dies durch Einkäufe im Euroraum kompensieren können. Nur hat auch diese Medaille wieder ihre Kehrseite, indem dadurch die Zulieferer in der Schweiz Probleme bekommen.

Was muss aus Sicht des Schweizerischen Arbeitgeberverbands getan werden, um den Werkplatz Schweiz zu stärken?
Was wir weniger sehen, sind Konjunkturprogramme. Hingegen müssen – neben einer Entschlackung von staatlichen Regulierungen – das Thema Umsetzung der Einwanderungsinitiative endlich konsequent angegangen, die Möglichkeiten in Bezug auf Schutzklauseln ausgelotet und Verhandlungen mit der EU aufgenommen werden. Die Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft der Bilateralen muss rasch geklärt werden. Glücklicherweise hat der Bundesrat in unserem Sinne seine Strategie angepasst, indem er nicht nur im Dossier Personenfreizügigkeit isoliert nach Lösungen suchen, sondern mit Hilfe eines Chefunterhändlers, der alle Bereiche abdeckt, gesamtheitlich das Thema Europa angehen will.

Wo liegen die Vorteile des Wirtschaftsstandortes Schweiz?
Da gibt es viele: Wir haben eine hohe Rechtssicherheit, mit Ausnahme dessen, was gerade mit der Masseneinwanderungsinitiative auf uns zukommt. Wir haben ein gut funktionierendes Bankensystem und eine hervorragende Infrastruktur. Dazu kommt ein ausgezeichnetes Bildungsangebot, das viele gut ausgebildete Leute hervorbringt, auch wenn im Moment der Bedarf das Angebot deutlich übersteigt.

Wird in Zukunft dem Gedanken der Spitzenqualität, für die die Schweizer Wirtschaft steht, noch mehr Rechnung getragen werden müssen?
Qualität prägt schon heute das Image der Schweizer Wirtschaft und steht seit je an erster Stelle. Eine unserer wenigen, dafür umso wichtigeren Ressourcen ist das Wissen. Das setzt ein intaktes Bildungssystem voraus. Dabei hilft uns die hohe Durchlässigkeit der Ausbildungsgänge, die es so früher nicht gab. Heute kann grundsätzlich jeder seiner Neigung entsprechend das erlernen, was ihm zusagt, und sich weiterbilden. Ich glaube, das ist der Bevölkerung noch zu wenig bewusst.

Wie schätzen Sie als Erlenbacher das Potenzial des Wirtschaftsraums um den Zürichsee ein?
Die Vorzüge haben vor allem mit der Lage zu tun. Das Gebiet ist zentral gelegen, mit der Wirtschafts- und Finanzmetropole Zürich im Rücken, aber auch mit der Nähe zum Flughafen, mit Topanschlüssen dank des dichten S-Bahn-Netzes. Dazu kommt die äusserst attraktive Wohnlage. Die umliegende Region der Stadt Zürich ist fast so etwas wie eine Oase der Kumulation von Standortvorteilen. Die Kehrseite davon ist die Dichte. Der Standort hat seinen Preis, sowohl fürs Wohnen als auch für die Industrie.

Was zeichnet Ihr Dorf aus?
Auch wenn es banal tönt, es ist der Standort. Die Nähe zum See und die schöne Gegend steigern die Wohnqualität. Ehrlich gesagt, hat die Wohnortwahl aber auch ganz pragmatische Gründe wie den kurzen Arbeitsweg. Ich bin innerhalb einer Viertelstunde im Büro. Darüber bin ich schon mehrmals froh gewesen, weil ich oft am Abend und am Wochenende beruflich unterwegs bin. Wenn ich schnell auf dem Nachhauseweg noch einen Abstecher ins Büro machen kann, umso besser. Auch da geht es wieder um die Nähe zu Zürich.

Das Interview mit Roland A. Müller ist in der Zürichsee-Zeitung erschienen.