«Die Hälfte der Zuwanderer kommt nicht wegen Jobs»

Die Schweizer Wirtschaft ist im ersten Quartal geschrumpft. Doch trotz der anhaltenden Frankenstärke scheint die Nachfrage nach Arbeitskräften ungebrochen. Wie Valentin Vogt im Interview erklärt, verursacht die Privatwirtschaft jedoch deutlich weniger als die Hälfte der Zuwanderung.

Die Wirtschaft ist im ersten Quartal geschrumpft. Ist das ein Vorbote der Rezession?
Die Chance ist gross, dass wir in eine technische Rezession rutschen – dass wir zwei Quartale hintereinander mit negativem Wirtschaftswachstum haben werden. Auch die wirtschaftliche Entwicklung in den Folgequartalen ist mit grossen Unsicherheiten behaftet.

Was sind neben der Frankenstärke die Gründe für die Krise?
Im EU-Raum läufts einzig in Deutschland rund. In Asien ist das Wirtschaftswachstum verhalten. Der Lichtblick sind die USA – doch auch dort sind die Signale widersprüchlich. Die weltwirtschaftliche Situation ist schwierig, und die Schweiz als Exportland ist ein Abbild davon.

Der Jobmotor brummt aber. Im ersten Quartal war die Einwanderung rekordhoch, trotz schrumpfender Wirtschaft. Das ist doch paradox!
Ja, auf den ersten Blick schon. Aber die Zuwanderung ist ein nachlaufender Indikator zur Wirtschaftsentwicklung. Deshalb wird die Zuwanderung in den nächsten Monaten tiefer ausfallen. Ich rechne damit, dass die Nettozuwanderung dieses Jahr tiefer als 2014 sein wird. Also tiefer als 80 000.

Nennen Sie eine Zahl!
Das ist schwierig abzuschätzen. Weil die Zuwanderung ein breites Feld abdeckt. Gut die Hälfte der Zuwanderer kommt nicht aufgrund einer Erwerbstätigkeit in die Schweiz, der grösste Teil kommt als Familiennachzug, gefolgt von Leuten, die zur Ausbildung in die Schweiz kommen. Oder umgekehrt gesagt: Weniger als die Hälfte der Leute kommt zur Erwerbstätigkeit in die Schweiz. Und davon geht ein nicht unerheblicher Teil in den öffentlichen Sektor wie das Gesundheits- und Sozialwesen oder die Bildung. Die Privatwirtschaft verursacht also deutlich weniger als die Hälfte der Zuwanderung.

Sagen Sie, die Privatwirtschaft sei aus dem Schneider? Politik, Bund und Kantone sollen für die Reduktion der Zuwanderung sorgen?
Selbstverständlich nicht. Wir stehlen uns nicht aus der Verantwortung. Und wir werden unseren Beitrag zur Reduktion der Zuwanderung leisten. Aber es ist zu einfach zu verlangen, liebe Wirtschaft, löse endlich das Einwanderungsproblem.

Auch Personen, die durch Familiennachzug zu uns kommen, sind potenzielle Arbeitnehmer. Doch Arbeitgeber stellen billigeres Personal aus dem Ausland ein, statt das Potenzial im Inland zu nutzen.
Das sehe ich nicht so. Die Gesamtarbeitslosigkeit geht zurück. Im Dezember 2014 waren 147 000 Personen arbeitslos gemeldet. Ende März waren es 2300 Personen weniger. Das zeigt: Wir nutzen das inländische Potenzial sehr wohl.

Wie erklären Sie sich dann, dass die Arbeitslosenquote der Ausländer in der Schweiz stetig ansteigt?
Das ist eine Frage des Matchings – was die Wirtschaft sucht, findet sie im Inland oft nicht. Mit den Arbeitsvermittlungsstellen RAV sind wir aber daran, Angebot und Nachfrage nach Berufsgruppen besser aufeinander abzustimmen. Die Partnersuche in der Wirtschaft muss besser klappen.

Die Chef-Suche funktioniert ganz schlecht. In drei Monaten rekrutierten Firmen 1431 ausländische Unternehmer und Direktoren. Gibts keine fähigen Schweizer Chefs?
Natürlich gibt es die. Aber sehen Sie: Aus rein demografischen Gründen verlassen schon heute pro Jahr 5000 Arbeitnehmer mehr den Arbeitsmarkt als neue hinzukommen. In zehn Jahren wird die Differenz 50 000 betragen. Das gilt auch bei den Chefs. Deshalb werden wir auch in Zukunft auf Einwanderer angewiesen sein.

Auch Bauern holen viele ausländische Hilfsarbeiter. Was halten Sie von der Idee, dass Bauern stattdessen Flüchtlinge beschäftigen?
Ich finde das eine gute Idee. Man muss einfach aufpassen, dass dies zu keinem stärkeren Anreiz führt, hier ein Asylgesuch zu stellen.

Müssen wir das erste Quartal dieses Jahres als verlorenes Quartal abbuchen? Der Wirtschaftskuchen ist kleiner geworden und wird auf mehr Personen verteilt. Der Normalbürger hat also verloren.
Es war kein verlorenes Quartal, aber ein schwieriges. Weil jedoch die Teuerung seit drei Jahren negativ ist, steigt auch die Kaufkraft. Der durchschnittliche Bewohner der Schweiz kann sich mit denselben Franken mehr leisten als noch vor drei Jahren. Er hat deshalb nicht verloren.

Das Interview mit Valentin Vogt ist im «Blick» erschienen.