«Es gibt Arbeitgeber, die sich richtig ins Zeug legen»

4. September 2015,  5 Fragen an...

Die Zahl der IV-Neurentner ging in den letzten zehn Jahren um die Hälfte zurück und lag 2014 bei 14’000. Gleichzeitig konnten 2014 fast 20’000 Menschen mit gesundheitlichen Problemen ihren Job behalten oder eine neue Anstellung finden. Die Entwicklung der IV hin zu einer Integrationsversicherung läuft auf Hochtouren. Heidi Schwander, stellvertretende Leiterin der IV-Stelle Zug, erläutert, welchen Anteil die Arbeitgeber daran haben, was wir den IV-Revisionen 5 und 6a verdanken und weshalb die Politik gefordert ist.

Frau Schwander, die IV-Revisionen 5 und 6a wollen die berufliche Integration und Reintegration von Menschen mit gesundheitlichen Problemen verbessern. Wie sehen die konkreten Massnahmen aus?
Bei der 5. IV-Revision ging es vor allem darum, die Früherkennung von gesundheitlichen Problemen zu verbessern und gefährdete Arbeitsverhältnisse über frühzeitiges Intervenieren zu sichern. «Arbeit vor Rente», so das Leitmotiv dieser Revision. Entsprechend steht der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit seither an erster Stelle. Denn es ist einfacher, im Arbeitsmarkt zu bleiben, als in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Wir müssen deshalb alles daran setzen, gesundheitliche Probleme am Arbeitsplatz möglichst früh zu erkennen.

Heidi-SchwanderDie 5. Revision ermöglicht uns auch, die Arbeitgeber zu beraten – etwa bei der Anpassung von Arbeitsabläufen und Arbeitsinhalten oder der Arbeitsplatz-Infrastruktur. Zudem vermitteln wir zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Denn: Solche Situationen sind für beide Seiten anspruchsvoll. Und wenn der Erhalt des angestammten Arbeitsplatzes nicht realistisch ist, so unterstützen wir die betroffenen Arbeitnehmer bei ihrer Neuorientierung innerhalb oder ausserhalb des Betriebs.

Trotz Früherkennung und Eingliederungsmassnahmen gelingt es aber nicht immer, Menschen mit gesundheitlichen Problemen im Arbeitsmarkt zu halten. Das ist eine Realität. Hier setzt die Revision 6a an. Ihre Massnahmen konzentrieren sich auf die Reintegration von Menschen mit IV-Rente. Die Maxime lautet: «Einmal Rente heisst nicht immer Rente». Dabei ist zentral, dass das Matching zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer passt und beide Seiten gut auf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Ein Wiedereinstieg nach einer längeren Abwesenheit ist für alle Beteiligten eine Herausforderung.

Und wie wirkten sich diese Massnahmen auf die IV-spezifischen Zahlen aus?
Früherkennung und Eingliederungsunterstützung bringen viel! Wir erreichten 2003 einen Peak von über 28’000 Neurenten. Die Zahl der Neurentner ging dank der letzten drei IV-Revisionen und dem verstärkten Engagement der Arbeitgeber und der IV-Stellen seither sukzessive zurück und pendelte sich 2014 bei rund 14’000 ein. Mit anderen Worten: Die Zahl der Neurenten wurde innerhalb von zehn Jahren halbiert. Diese Entwicklung zeigt: Wir sind auf dem richtigen Weg.

Wie beurteilen Sie das Engagement der Arbeitgeber im Rahmen der beruflichen Integration und Reintegration?
Die Arbeitgeber sind sensibilisiert für Integrationsfragen. Immer mehr Arbeitgeber sind bereit, Menschen mit gesundheitlichen Problemen eine Chance zu geben. Die Zahlen verdeutlichen dies: Im Jahr 2014 konnten fast 20’000 Menschen mit Beeinträchtigungen ihren Job behalten oder eine neue Anstellung finden. Das sind 10 Prozent mehr als 2013 und sogar 20 Prozent mehr als 2012. Auch meine eigene Erfahrung zeigt: Es gibt Arbeitgeber, die sich richtig ins Zeug legen. Die Arbeitgeber haben erkannt, dass eine Einschränkung nicht alle Fähigkeiten eines Menschen betrifft und dass Menschen, die von der IV unterstützt werden, sehr wohl leistungsfähig sind. Das haben wir nicht zuletzt der 5. IV-Revision zu verdanken, die uns erlaubt, der Institution «IV» ein Gesicht zu geben, das Bewusstsein der Arbeitgeber zu schärfen und mit ihnen über Ressourcen statt Schwächen zu reden.

Was halten Sie von privaten Initiativen wie Compasso, einem Informationsportal für Arbeitgeber zur beruflichen Integration?
Compasso ist ein wertvoller Beitrag im Rahmen unseres Ziels «Arbeit vor Rente». Wertvoll ist insbesondere, dass die Initiative alle zentralen Stakeholder in diesem Bereich zusammenbringt: die Arbeitgeber, die IV, die Suva, Privatversicherungen und Behindertenorganisationen. Das zeigt: Nur gemeinsam gelingt es!

Wenn Sie mit Blick auf die IV einen Wunsch an die Politik hätten: Wie würde dieser lauten?
Die Entwicklung der letzten Jahre macht deutlich, dass die Neuausrichtung der IV weg von der ursprünglichen Rentenversicherung hin zu einer Integrationsversicherung gelingt. Um den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen, benötigen wir aber genug Zeit und – bei allen Sparforderungen – auch genügend Mittel. Trotzdem ist die Sanierung der IV unabdingbar; Fehlanreize zum Beispiel müssen in meinen Augen konsequent eliminiert werden. Die IV muss stabil sein und stabil bleiben. Nur so schafft sie den Turnaround zur Integrationsversicherung.