«Die Arbeitgeber müssen die Berufslehre noch attraktiver machen»

26. November 2015 5 Fragen an...

In der Schweiz sind Ausbildung und Arbeitswelt traditionell eng miteinander verbunden. Ursula Renold zeigt mit ihren Untersuchungen an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, weshalb sich die Investitionen der Wirtschaft in die Berufsbildung lohnen, und vermittelt dieses Wissen im Rahmen internationaler Bildungskooperationen. Die Schweiz muss ihrer Ansicht nach mehr für die Vermarktung ihres Bildungssystems nach innen wie nach aussen tun.

Kürzlich äusserte sich der Staatssekretär für Bildung, Mauro Dell’Ambrogio, kritisch zur Internationalisierung und zum Export der dualen Berufsbildung nach Schweizer Vorbild. Wie beurteilen Sie diese Einschätzung?
Ich teile seine Meinung nicht, denn wir haben anderen Ländern definitiv etwas zu bieten. Klar kann es nicht funktionieren, unser Berufsbildungssystem als Ganzes ins Ausland zu exportieren. Zu gross sind die jeweiligen kulturellen und wirtschaftspolitischen Eigenheiten. Vielmehr geht es bei der Internationalisierung darum, im Austausch mit anderen Ländern diese Unterschiede und mögliche Anknüpfungspunkte herauszuarbeiten, um zu erkennen, inwiefern die Berufsbildung unter den lokalen Gegebenheiten Erfolg haben kann. Es ist zudem die Aufgabe der Schweiz, international ihre Stärken zu betonen. Wir leisten aus meiner Sicht zu wenig Aufklärungsarbeit.

Was sind die Stärken unseres (Berufs-)Bildungssystems?
Ursula-Renold-740Zunächst ist es der Mix zwischen berufspraktisch und akademisch qualifizierten Mitarbeitenden in den Firmen. Er hat nachweislich einen positiven Einfluss auf deren Innovationsleistung. Im Ausland fragt man sich oft, weshalb die Schweiz trotz der vergleichsweise niedrigen Akademikerquote so innovativ ist. Wichtig ist weiter die Durchlässigkeit unseres Systems: Wer eine Berufslehre macht, hat anschliessend sowohl ein Eintrittsticket in den Arbeitsmarkt, als auch in weiterführende Bildungen. Schliesslich ist der enge Bezug zur Arbeitswelt zu nennen: die Dualität mit den beiden Lernorten Betrieb und Schule. Sie ist übrigens nicht auf die Grundbildung beschränkt: Wir können uns im Verlauf unseres ganzen Arbeitslebens berufsbegleitend höherqualifizieren und weiterbilden und bleiben so immer im Arbeitsmarkt integriert.

Wo sehen Sie demgegenüber Herausforderungen für die Schweiz?
Eine grosse Herausforderung ist die wachsende Bedeutung der englischen Sprache. Sie wird in unseren Berufsbildungen noch zu wenig systematisch gefördert. Ich denke nicht an ein zusätzliches Unterrichtsfach, sondern an die Anwendung in komplett englischsprachigen Lehren oder in zweisprachigem Unterricht. Ausserdem haben wir das Problem, dass das internationale Umfeld unsere Berufsbildungsabschlüsse zu wenig gut kennt. Mit der Globalisierung sind wir diesbezüglich nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen gefordert: Wenn wir nicht genügend unternehmen, um die Ausländer in der Schweiz über unser Bildungssystem aufzuklären, importieren wir mehr und mehr die Einstellung aus ihren Heimatländern, dass der Gang an die Universität der einzig richtige Bildungsweg ist.

Was sind – beispielhaft – die Früchte der internationalen Bildungszusammenarbeit in anderen Ländern?
In Indien hat sich ein «Bottom-up»-Ansatz als aussichtsreich erwiesen: Dort tätige Schweizer Firmen, die vor Ort die gesuchten, qualifizierten Praktiker kaum finden, haben gemeinsam mit anderen Firmen eine Art duales System aufgebaut. Im US-Staat North Carolina läuft eine Berufsbildungs-Initiative, die ebenfalls von Schweizer Firmen mitinitiiert wurde, seit über zehn Jahren erfolgreich. Ein weiteres Beispiel ist Singapur, wo ein Berufsbildungssystem mit schulischem Ansatz existiert. Es fehlt derzeit noch das integrale betriebliche Element. Aber ich traue dem Stadtstaat zu, in zehn Jahren ein System installiert zu haben, das dem unseren ähnlich ist.

Wie kann die Wirtschaft von Ihrer Forschung konkret profitieren?
Wir zeigen mit unserer Forschung auf, wo das Schweizer Bildungssystem im Kontext internationaler Bildungssysteme steht und weshalb die Schweizer Wirtschaft nicht zuletzt dank der Berufsbildung erfolgreich ist. Gerade weil aktuell Fachkräfte vielerorts gesucht sind, ist es zentral, dass die Unternehmen, aber auch die Eltern um die Vorzüge der Berufsbildung wissen. Beispielsweise können wir zeigen, dass sowohl die Arbeitserfahrung als auch sogenannte «soft skills» wie Teamkompetenz, Selbständigkeit oder Problemlösen für die Unternehmen immer wichtiger werden und dass solche Kompetenzen besser am Arbeitsplatz als in der Schule gefördert und erlernt werden. Der erwähnte Zusammenhang zwischen einem ausgewogenen Mix an Qualifikationen und der Innovation ist ebenfalls ein klarer Hinweis an die Wirtschaft, dass sich die duale Aus- und Weiterbildung lohnt.

Eine ganz konkrete Zusatzfrage zum Schluss: Was raten Sie den Arbeitgebern in ihrer Rolle als Ausbildungsbetriebe?
Angesichts des Fachkräftemangels gilt es vermehrt, gute Mitarbeitende nicht nur zu finden, sondern auch an sich zu binden. Junge Nachwuchskräfte selber auszubilden, dadurch betrieblich zu sozialisieren und für sich zu gewinnen, halte ich deshalb für eine clevere Strategie. Da aber Jahr für Jahr weniger Jugendliche die Schule verlassen, wird der Wettbewerb um Lernende immer stärker. Die Unternehmen müssen sich deshalb in den nächsten Jahren noch besser überlegen, wie sie ihre Lehren attraktiver machen können, und zwar vor allem für diejenigen Jugendlichen, die sowohl ins Gymnasium als auch in eine Berufslehre gehen könnten. Für sie braucht es interessante Angebote, beispielsweise eine Lehre in Kombination mit der Berufsmatura, eine englischsprachige Lehre oder ein Lehrjahr im Ausland.