Berufsbildungsabschlüsse sollen international verständlicher werden

28. März 2012,  Meinungen

Mehr Transparenz und eine bessere internationale Verständlichkeit von Berufsbildungsabschlüssen sollen in- und ausländischen Arbeitgebern helfen, die fachlichen Kompetenzen von Stellenbewerbern rasch und richtig einzuschätzen. Der Bund schlägt jetzt vor, alle Abschlüsse im Rahmen eines nationalen Qualifikationsrahmens in Niveaustufen einzuteilen und den Absolventen einen erläuternden Diplomzusatz abzugeben. Das wichtige Projekt könnte einen echten Mehrwert bringen – aber nicht alle Folgen sind schon absehbar.

Die Schweizer Berufsbildung gilt als bewährt und erfolgreich. Trotzdem droht sie unter Druck zu geraten: Sowohl im angelsächsischen als auch im romanischen Kulturraum bestehen Zweifel an der Leistungsfähigkeit eines Systems, das stark auf Praxis und weniger auf reine Schultheorie setzt. Es bedarf entsprechend grosser Anstrengungen, dass die Stärken der dualen Berufslehre und der höheren Berufsbildung auf internationaler Ebene besser wahrgenommen werden. Ansonsten droht eine zu geringe Wertschätzung von Berufsbildungsabschlüssen und eine eingeschränkte Mobilität respektive die Benachteiligung von Schweizer Fachkräften im Ausland. Es gibt zudem Hinweise, dass in der Schweiz tätige ausländische Unternehmen mitunter Mühe haben, die Qualifikationen unseres Berufsbildungssystems richtig einzuschätzen.

Der Handlungsbedarf ist also ausgewiesen. Bemühungen in diesem Bereich können auch durch unsere Bundesverfassung begründet werden. Dort ist nämlich die Forderung nach einer gleichwertigen gesellschaftlichen Anerkennung von berufsbezogenen und allgemeinbildenden Bildungswegen verankert.

Qualifikationsrahmen und Diplomzusatz
Der Bund schlägt vor, zwei Instrumente zu schaffen, um die Berufsbildung international besser zu positionieren und den Wert der Ausbildungen besser bekannt zu machen:

Erstens einen nationalen Qualifikationsrahmen der Schweiz (NQR-CH): Das ist ein Raster, der aus acht Niveaus besteht. Jeder Schweizer Berufsbildungsabschluss wird gemäss seinen Anforderungen einem dieser acht Niveaus zugeordnet. Zweitens wird mit jedem Abschluss ein Diplomzusatz abgegeben, in dem das Niveau des Abschlusses im NQR-CH ersichtlich ist. Zudem enthält dieser Diplomzusatz Informationen, die den Arbeitgebern im In- und Ausland erlauben sollen, eine rasche und angemessene Einschätzung der fachlichen Kompetenzen der Bewerbenden vorzunehmen. Sowohl das NQR-CH-Niveau als auch der Diplomzusatz sind nicht personengebunden, sondern beziehen sich auf den jeweiligen Abschluss. Die beiden neuen Instrumente – nationaler Qualifikationsrahmen und Diplomzusatz – sollen in einer Verordnung rechtlich verankert werden. Diese ist derzeit Gegenstand einer Anhörung, die bis Mitte Mai läuft.

Da alle europäischen Länder ihre (Berufs-)Bildungsabschlüsse in nationale Qualifikationsrahmen einordnen oder dies beabsichtigen, werden länderübergreifende Vergleiche möglich sein. Dies dank des europäischen Qualifikationsrahmens EQR, der sozusagen als Übersetzungshilfe dient.

Einschätzung aus Arbeitgebersicht
Aus Arbeitgebersicht gilt es festzuhalten: Im Zentrum aller Bemühungen müssen aus Arbeitgebersicht die Karrierechancen für die Lernenden in einem globalisierten Umfeld sowie das Abdecken der Bedürfnisse einer immer internationaleren Wirtschaft stehen. Die Entwicklungen des wirtschaftlichen und bildungspolitischen Umfeldes machen einen entsprechenden Entwicklungsschritt dringend nötig. Heikle Fragen werden aber wohl erst durch die Praxis beantwortet: Werden diese Einstufungen zu einer Hierarchisierung in der Berufsbildung führen? Kommt es zu einem prestigegetriebenen Drang zu möglichst hohen Einstufungen von Abschlüssen? Gibt es aufgrund von Einstufungsüberlegungen doch unerwünschte Rückwirkungen auf die Definition der Bildungsinhalte? Wie gehen die Sozialpartner mit der neuen Transparenz respektive der Hierarchisierung der Bildungsabschlüsse um, wenn es um Lohnverhandlungen geht?

Ob das Projekt erfolgreich sein wird, hängt entscheidend davon ab, ob es wirklich gelingt, die Abschlüsse korrekt in den NQR-CH einzuordnen und damit die Akzeptanz und das Vertrauen der Arbeitgeber zu gewinnen. Was im Hinblick auf ein konsistentes Gesamtsystem nötig sein kann, ist nicht zwingend mit den spezifischen Interessen der Trägerschaften der Abschlüsse kompatibel. Bei rund 850 Abschlüssen, die eingeordnet werden, sind also sehr durchdachte Prozesse nötig.