Wird die Schweiz ein Sanierungsfall?

2. Oktober 2015,  Medienbeiträge

Im Gespräch äussert sich Valentin Vogt zur Regulierungswut und den Chancen älterer Menschen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Wirtschaft?
Ich bin verhalten optimistisch für die Schweizer Wirtschaft. Auch wenn wir nur knapp um eine Rezession herumgekommen sind, ist unser Land grundsätzlich nach wie vor gut aufgestellt. Allerdings haben wir die Tendenz, uns selber zu schwächen. Wir stimmen im Quartalstakt über stark wirtschaftsfeindliche Vorlagen ab. Glücklicherweise werden diese grösstenteils abgelehnt, aber etwas bleibt davon immer hängen.

Ist es also nicht «nur» der teure Franken, der dem Land derzeit schadet?
Man muss unterscheiden: Einerseits gibt es externe Faktoren wie die ungünstigen Währungskurse oder den zunehmenden aussenpolitischen Druck auf die Schweiz, deren Ursachen sich unserem Einfluss entziehen. Andererseits haben wir interne Erfolgsfaktoren, die wir beeinflussen könnten und stärken müssten, speziell wenn der Druck von aussen zunimmt. Das wäre eine rationale Strategie. Stattdessen tun wir das Gegenteil, indem wir uns selber immer stärker regulieren. Wir haben den Hang dazu, aus jeder Empörung ein Gesetz zu machen – leider vielfach ohne die notwendige Verhältnismässigkeit.

Besteht Verbesserungsbedarf in unserem politischen System?
Ich halte die direkte Demokratie für das beste politische System, aber wir müssen daran arbeiten und aufpassen, dass sie nicht missbraucht wird. So wäre wieder einmal zu überlegen, wozu die Mittel der Initiative und des Referendums eigentlich gedacht sind. Es kann nicht sein, dass eine Partei im Parlament mit einem Anliegen scheitert und daraufhin eine Initiative lanciert. Die Initiative ist aus meiner Sicht primär ein Instrument für Gruppen, die nicht im Parlament vertreten sind.

Zurück zur aktuellen Wirtschaftslage: Werden Betriebe zur Wahrung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zunehmend gezwungen, ihre Produktionsstätte ins Ausland zu verlagern?
Die Schweizer Wirtschaft ist seit 170 Jahren in einem permanenten Wandel. So arbeiteten 1860 in der Textilindustrie 10 Prozent der damaligen Bevölkerung, heute sind es noch 0,25 Prozent. Vor 50 Jahren gab es in der Schweiz noch viele Giessereien, heute nur noch wenige. Dafür kamen neue Branchen hinzu. Was die Verlagerung ins Ausland betrifft, besteht die Kunst darin, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen: Wer gewisse Arbeiten auslagert, kann damit Arbeitsplätze in der Schweiz erhalten oder sogar wieder Wachstum ermöglichen. Wer hingegen nicht rechtzeitig reagiert, setzt unter Umständen den gesamten Betrieb und alle Arbeitsplätze in der Schweiz aufs Spiel.

Wird die Schweiz in Zukunft zu einem reinen Dienstleistungsstandort?
Produktionsauslagerungen sind Teil des erwähnten wirtschaftlichen Wandels und derzeit zusätzlich durch die starke Währung notwendig. Über die letzten zehn Jahre konnten wir aber immerhin eine Million Arbeitsplätze im verarbeitenden Sektor im Land halten. Ich mache mir im Moment Sorgen um den Produktionsstandort Schweiz, ohne in Panik zu verfallen. Er ist wichtig, denn Länder mit einem höheren Industrieanteil sind deutlich krisenresistenter. Ich bin zudem überzeugt, dass Forschung & Entwicklung und Produktion zusammengehören, zumal wir hierzulande über ein gutes Forschungsumfeld und gleichzeitig sehr viel Know-how in der Produktion verfügen.

Welche Bereiche in unserem Land sind von Auslagerungen besonders betroffen?
Es sind jene Bereiche, die arbeits- und personalintensiv sind. Die Arbeit in der Schweiz ist teuer, weil das Leben in unserem Land teuer ist und die Angestellten entsprechend bezahlt werden müssen. Es gilt deshalb, mit möglichst wenig Personaleinsatz zu fertigen beziehungsweise mit der gleichen Anzahl Personen mehr zu produzieren. Das geht nicht, indem man einzig den Personalbestand ausdünnt, sondern indem man die Produktion automatisiert und systematisch effizienter wird.

Für welche Branchen sehen Sie auch in Zukunft echte Chancen?
Branchenunabhängig für alle Betriebe, die innovativ sind. Ob in der Hotellerie oder der Industrie: Wer innovativ ist und begriffen hat, worum es geht, hat nach wie vor eine Chance, in diesem Land erfolgreich zu wirtschaften. Optimistisch sehe ich die Zukunft auch für Branchen, denen es gelingt, verschiedene Stärken der Schweiz zusammenzuführen. Beispiele sind die Verbindung von Elektronik und Mechanik zu Mechatronik oder die Kombination der tollen Natur in der Schweiz mit einer hervorragenden Dienstleistungskultur.

Die Flut der Initiativen und gewisse Abstimmungsresultate lassen ein zunehmendes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Wirtschaft erkennen. Haben die Wirtschaftsführer Vertrauen verspielt?
Zwischen 2000 und 2010 kam es zu überdurchschnittlich vielen Wirtschaftsskandalen, die nicht hätten passieren dürfen: überzogene Salärbezüge oder Firmenbankrotte aufgrund grober strategischer Fehler. Da ging viel Vertrauen verloren, das ist so. Auf der anderen Seite beweist die Schweizer Bevölkerung in wirtschaftlichen Fragen immer wieder grossen Sachverstand: Sie hat in den letzten Jahren zahlreiche wirtschaftsfeindliche Begehren klar verworfen: gesetzliche Mindestlöhne, sechs Wochen Ferien, 1:12, Erbschaftssteuer. Bei der Minder- und der Masseneinwanderungs-Initiative gilt es, das Signal richtig zu verstehen: Das Volk wollte ein Zeichen setzen nach dem Motto: «Zu viel ist zu viel, so geht es nicht weiter.»

Wo sieht Ihr Verband in diesem Spannungsfeld seine Aufgabe?
Für den Schweizerischen Arbeitgeberverband geht es darum, der Bevölkerung die Wirtschaft zu erklären und mit sachlichen Vorschlägen dazu beizutragen, Lösungen zu finden. Gleichzeitig müssen wir das Ohr am Puls der Bevölkerung haben, um Bedenken zu erkennen und frühzeitig aktiv zu werden, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut.

Sehen Sie aktuell ein solches Gewitter aufziehen?
Ein Thema, das die Bevölkerung stark bewegt, ist die Frage der älteren Mitarbeitenden. Wenn man mit den Leuten spricht, hat man den Eindruck, jeder zweite über 50 Jahren werde entlassen. Objektiv betrachtet ist das jedoch überhaupt nicht so. Klar, jeder Fall ist schwierig und macht betroffen, doch statistisch gesehen verlieren ältere Arbeitnehmer deutlich seltener die Stelle als jüngere. Weil aber jeder einen Betroffenen kennt, es zudem länger dauert, bis ältere Personen wieder etwas finden, und es sich um ein politisch sehr attraktives Thema handelt, ist die Wirtschaft hier von vornherein in der Defensive

Welche Ideen hat Ihr Verband zur besseren Integration älterer Arbeitskräfte?
Als Spitzenverband geht es uns erst einmal um die Sensibilisierung der Arbeitgeber, bei denen teilweise noch viele Vorurteile vorhanden sind. Wir weisen sie darauf hin, dass sie ein Problem haben: dass aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, und dass die älteren Personen ein Potenzial darstellen, um diese demografische Lücke zu schliessen. Mit dem Projekt «Zukunft Arbeitsmarkt Schweiz» gehen wir das Arbeitskräfte-Thema ganzheitlich an: Wir haben die verschiedenen Potenziale in der Schweiz identifiziert – neben den älteren Personen sind dies Frauen, Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, Jugendliche und die bereits in der Schweiz ansässige ausländische Bevölkerung. Nun tragen wir die Beispiele aus jenen Betrieben, die im Umgang mit älteren Mitarbeitenden erfolgreiche Konzepte anwenden, zusammen und stellen sie anderen Firmen zur Verfügung.

Werden solche Vorschläge von der Wirtschaft auch ernsthaft diskutiert und umgesetzt?
Das Thema wird ernst genommen, es handelt sich jedoch um einen längerfristigen Prozess. Man spricht schon lange davon, doch nun müssen Taten folgen, denn die Realität wird uns einholen: In den nächsten zehn Jahren wird eine Million Erwerbstätige den Arbeitsprozess verlassen. Heute beträgt der Unterschied zwischen der Anzahl Personen, die aus dem Arbeitsprozess austreten und jenen, die eintreten, rund 5000 – in zehn Jahren werden jährlich 50‘000 mehr ausscheiden als dazukommen. Da kann kein Arbeitgeber sagen, das betreffe ihn nicht.

Ist die Erhöhung des Rentenalters früher oder später eine politische Notwendigkeit, um die Sozialwerke finanzieren zu können?
Es ist nicht nur aus Sicht der Sozialwerke eine Notwendigkeit, sondern auch, um genügend Arbeitskräfte zu haben und um damit den gesellschaftlichen Wohlstand in unserem Land aufrechterhalten zu können. Wir müssen einen gut schweizerischen, ausgewogenen Kompromiss finden: Die Leute werden etwas länger arbeiten müssen, gleichzeitig braucht es eine Mehrwertsteuer-Erhöhung, um die Mehrkosten zu finanzieren, und schliesslich werden wir aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung auch etwas früher zu sparen beginnen müssen.

Das Interview mit Valentin Vogt ist im Magazin «50plus» erschienen.