Rechtfertigungs-Bürokratie statt Überzeugungsarbeit

2. Dezember 2016,  Meinungen

Der Bundesratsbeschluss zur Frauenquote in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten hat nicht nur in der Wirtschaft für Stirnrunzeln gesorgt. Auch SVP, CVP und FDP lehnen die Vorlage, die ins revidierte Aktienrecht übernommen werden soll, rundweg ab. Bei dieser Ausgangslage werden die Quotenregelungen, die Bundesrätin Sommaruga neuerdings als «Richtwerte» tarnt, im Parlament chancenlos bleiben. Wie der Bundesrat, in dem die Vertreter der bürgerlichen Parteien über eine deutliche Mehrheit verfügen, diese hoheitliche Bevormundung der Wirtschaft billigen konnte, bleibt ein Geheimnis. Dass der Bundesrat aber mit unnötigen Eingriffen der Wirtschaft dreinredet, statt gute Rahmenbedingungen für unser Land zu setzen, darf nicht ohne Widerspruch bleiben.

Eine gewisse Nachsicht wäre angezeigt, wenn die Arbeitgeber nicht längst erkannt hätten, dass Frauen auf allen Hierarchiestufen viel zum Unternehmenserfolg beitragen können. Die Fachwelt und mit ihr der Bundesrat wissen aber zu gut, dass die Wirtschaft sich selbstbestimmt für die Frauen einsetzt. Der Schweizer Wissens- und Werkplatz bemüht sich in einer Zeit, in der das Arbeitsangebot wegen der Überalterung Jahr um Jahr kleiner wird, um seine Kaderfrauen. Mit sichtbarem Erfolg: Alle wichtigen Messgrössen zur Vertretung von Frauen in den Chefetagen entwickeln sich langsam, aber stetig positiv. Wenn unsere Landesregierung in einer sich selbst einpendelnden Situation eine staatliche Regelung einführen will, diskreditiert sie die wirksame Überzeugungsarbeit der Wirtschaftsführer und offenbart wenig Führungsgeschick. Um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.

Ernüchterte Beobachter mögen einwenden, die jetzige Vorlage nütze zwar wenig, schade aber auch nicht. Der Bundesrat schaffe zumindest Transparenz, wenn er Unternehmen verpflichte, im Geschäftsbericht zu erklären, wenn sie die Frauenquoten nicht einhalten («comply or explain»). Gewiss, der Untergang des Abendlandes wird mit diesen Vorschriften nicht eingeläutet. Von unserer Landesregierung sollte man jedoch mehr erwarten dürfen als unnötige Eingriffe und Scheingefechte, die unser Land keinen Schritt voranbringen. Doch weit gefehlt: Wie schon bei den nutzlosen Lohnkontrollen hat der Bundesrat den Unternehmern einen weiteren Nadelstich versetzt. Einmal mehr werden sie mit einer Rechtfertigungs-Bürokratie gegängelt, die bestenfalls volkserzieherische Konformität verordnet. Ein überzeugender Wandel kommt so weder in den Köpfen und schon gar nicht in den Herzen an.

Was also tun? Wir brauchen den Dialog. Wir müssen auf Praktiker hören, die Unternehmen von innen kennen. Wir brauchen Mentoren, die Karrieretüren für leistungswillige Frauen öffnen. Das und vieles anderes zeichnet karrierewilligen Frauen – wie übrigens auch Männern – realistische Wege in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte vor. Diese Wege können heute Frauen erhobenen Hauptes gehen – ganz ohne das Stigma einer Quote.