«Männer hauen auf den Tisch für mehr Lohn»

Der Schweizerische Arbeitgeberverband präsentiert mit einer Studie Erklärungsansätze für Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern. Heraus aus Tieflohnbranchen, Arbeitspensum erhöhen: So lautet gemäss dem obersten Arbeitgeber, Valentin Vogt, das Rezept gegen tiefere Frauenlöhne.

Herr Vogt, Frauen seien harmoniebedürftiger und weniger karriereorientiert, steht in Ihrer Studie. Falls das so ist: Rechtfertigt das Lohndrückerei?
Nein. Wir halten in der Studie lediglich fest, dass die unerklärte Lohndifferenz vermutlich tiefer ist als angenommen. Es gibt zusätzliche Faktoren, die heute nicht berücksichtigt werden. Dazu gehört auch, dass Frauen aufgrund familiärer Verpflichtungen eher Teilzeit arbeiten und in Tieflohnbranchen wie etwa dem Gesundheitswesen tätig sind.

Ist es nicht vielmehr so, dass die Löhne in diesen Branchen auch deshalb tief sind, weil der Frauenanteil so hoch ist?
Das würde ich bestreiten. Wenn Frauen etwa einen Beruf in der technischen Branche ergreifen, erhalten sie automatisch mehr Lohn, weil dort Fachkräfte sehr gesucht sind. Darum ist es wichtig, dass Frauen vermehrt in diesen Branchen arbeiten.

Zurück zu den harmoniebedürftigen Frauen, die sich angeblich weniger durchsetzen bei den Lohnverhandlungen. Ist es in Ordnung, wenn Arbeitgeber den Lohn drücken, nur weil Frauen weniger laut fordern?
Nein. Aber ich weiss aus Erfahrung, dass es in der Regel eher Männer sind, die beim Chef immer wieder auf den Tisch hauen für mehr Lohn. Es ist Sache der Vorgesetzten, jene, die in Lohnfragen öfter stürmen, gleich zu behandeln wie jene, die zurückhaltender sind. Und Frauen müssen sich vermehrt für den Lohn einsetzen.

Weiter sagen Sie, dass unterschiedliche Leistungsbereitschaft Lohndifferenzen erklären kann. Männer leisteten mehr Überstunden.
Ich würde nicht von unterschiedlicher Leistungsbereitschaft sprechen, sondern von Flexibilität. Personen, die auf fixe Arbeitszeiten angewiesen sind, sind bei der Lohnfestsetzung tendenziell schlechtergestellt, das gilt für Männer wie auch für Frauen.

Frauen sollen ihre Arbeitspensen erhöhen, um der Lohnfalle zu entkommen, sagen Sie. Wie soll das gehen, wenn der Löwenanteil unbezahlter Arbeit wie Kinderbetreuung und Haushaltsarbeiten heute von den Frauen übernommen wird?
Niemand kann mit 40 Prozent Arbeitspensum einem anspruchsvollen Beruf mit Führungsverantwortung nachgehen. Darum müssen wir etwa den Ausbau von Tagesstrukturen an Schulen fördern. Das entlastet arbeitende Mütter.

Das Interview mit Valentin Vogt ist in der NZZ am Sonntag erschienen.