Löhne 2016: Unsichere Wirtschaftslage gebietet Vorsicht

11. August 2015,  News

Der nach wie vor stark überbewertete Schweizer Franken, die Instabilität der Euro-Zone, die Unsicherheiten in der Zuwanderungsfrage: Unter den derzeit erschwerten Umständen muss in den nächsten Monaten die Sicherung der Arbeitsplätze im Vordergrund stehen. Unangebracht und verfrüht ist da die Forderung von Travail.Suisse nach Lohnerhöhungen von 0,5 bis 1,5 Prozent für die meisten Arbeitnehmenden.

Noch ist unklar, wie lange der Franken stark überbewertet bleibt, wie heftig die Frankenstärke beziehungsweise die Turbulenzen in der Euro-Zone den Wirtschaftsstandort Schweiz treffen und wann oder ob überhaupt eine Einigung mit der EU über die Personenfreizügigkeit zustande kommt. Angesichts der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren und der bereits sehr hohen Arbeitskosten steht die Schweizer Wirtschaft in den nächsten Monaten primär vor der Herausforderung, die Arbeitsplätze hierzulande zu sichern. Ein weiterer Kostenschub in Form von Lohnerhöhungen auf breiter Front von 0,5 bis 1,5 Prozent, wie sie der Arbeitnehmer-Dachverband Travail.Suisse fordert, lässt sich deshalb zum jetzigen Zeitpunkt nicht rechtfertigen.

Ausserdem wird die Teuerung gemäss den führenden Konjunkturforschern auch im nächsten Jahr tief oder gar negativ bleiben, womit die Kaufkraft selbst bei unveränderten Löhnen erhalten bleibt. Ebenfalls nicht als Argument für Lohnerhöhungen heranziehen lässt sich eine aufgehende Lohnschere zwischen hohen und tiefen Einkommen, denn eine Analyse des Forschungsinstituts BAK Basel und der Universität Basel hat kürzlich das Gegenteil gezeigt. Aus all diesen Gründen dürften am Ende der Lohnverhandlungen im Jahr 2016 mehr Nullrunden als in den Vorjahren resultieren.

Obwohl die Prognostiker, etwa vom Staatssekretariat für Wirtschaft und von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, für 2016 ein stärkeres Wachstum des Bruttoinlandprodukts als im laufenden Jahr vorhersagen, betonen auch sie die gegenwärtig hohen Unsicherheiten für die Wirtschaft – insbesondere mit Blick auf die Beziehungen zur Europäischen Union beziehungsweise die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative. Zudem weisen sie darauf hin, dass Andauern und Auswirkungen der Frankenstärke schwer abschätzbar bleiben. Mit entsprechender Vorsicht sind deshalb die Prognosen, die überdies im Verlauf des Jahres teilweise bereits nach unten revidiert wurden, zu interpretieren.

In der Schweiz finden die Lohnverhandlungen zudem traditionell dezentral statt, um den unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen der Branchen und Unternehmen gerecht werden zu können. Wo es die wirtschaftlichen Möglichkeiten zulassen, sollen die Arbeitgeber den Spielraum für Lohnerhöhungen nutzen und ihre Mitarbeitenden am Unternehmenserfolg beteiligen. Umgekehrt müssen die Arbeitnehmenden aber auch Nullrunden akzeptieren, wo die betriebliche Situation Zurückhaltung gebietet. Schliesslich ist der jetzige Zeitpunkt schlicht noch zu früh, um verbindliche Aussagen machen zu können. Die Verhandlungen stehen im Herbst an und müssen dannzumal den genannten Unwägbarkeiten Rechnung tragen.