Gute Angebote der Kinderdrittbetreuung zahlen sich für alle Akteure aus

26. Oktober 2017,  Fokus

In der Schweiz waren 2016 acht von zehn Müttern und einer von zehn Vätern teilzeitbeschäftigt. Viele dieser überdurchschnittlich gut ausgebildeten Eltern wären bereit, ihre Arbeitspensen zu erhöhen. Die Wirtschaft könnte hier also ein erhebliches inländisches Fachkräfte-Potenzial erschliessen. Dies bedingt jedoch bezahlbare Drittbetreuungsangebote für Kinder im (Vor-)Schulalter. Als Folge davon entstünde mittelfristig sowohl mehr soziale Gerechtigkeit als auch eine höhere Wohlfahrt für die Gesellschaft.

Teilzeitarbeit ist in der Schweiz weit verbreitet. Im Jahr 2016 arbeiteten acht von zehn Müttern mit Kindern unter 15 Jahren in einem Teilzeitpensum, vier davon unter 50 Prozent. Dabei äusserte in einer Umfrage des Bundesamts für Statistik ein beachtlicher Teil der befragten Eltern – insbesondere Mütter – den Wunsch, in einem höheren Arbeitspensum tätig zu sein. Auch verfügen diese Eltern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich oft über Fachkräfteausbildungen (Sekundarstufe II und höher). Absolut gesehen waren 2016 mehr als 450’000 Fachkräfte mit Elternpflichten teilzeitbeschäftigt. Diese Bevölkerungsgruppe bildet damit ein bedeutendes Potenzial an inländischen Fachkräften, deren Ausbildungen zudem grösstenteils mit staatlichen Mitteln finanziert wurden. Unter Berücksichtigung des Wunsches nach einer Pensenerhöhung könnten derzeit teilzeitbeschäftigte Eltern über 10’000 zusätzliche Vollzeitstellen besetzen. Dies und mehr zeigt die Analyse im Fokus «Qualitativ gute Drittbetreuungsangebote für Kinder: Eine Win-win-Situation für alle beteiligten Akteure».

Um dieses Potenzial zu erschliessen, müssten jedoch zwingend zusätzliche Mittel zur Bereitstellung von Drittbetreuungsangeboten für Kinder im Vorschul- und im Schulalter aufgewendet werden. Solche Drittbetreuungsangebote entsprechen im Prinzip einer typischen staatlichen Infrastrukturleistung, wie es etwa die bereits bestehenden Schulen sind. Somit wären sie auch durch den Staat zu finanzieren. Die Wirtschaft würde sich durch das Steuersubstrat aus den Unternehmenssteuern und durch das zusätzliche Steueraufkommen der Arbeitnehmenden, die ihr Einkommen durch die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen können, beteiligen. Gemäss Studien würde dieses zusätzliche Steuersubstrat die staatlichen Kosten decken oder gar überkompensieren.

Die staatliche Finanzierung lässt sich aber auch durch den hohen gesellschaftlichen Nutzen dieser Investition rechtfertigen. Denn durch die frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung würde sich die Chancengleichheit der Kinder erhöhen und damit einhergehend auch ihre späteren Ausbildungs- und Einkommensperspektiven verbessern. Finanzielle Ungleichheit müsste später weniger mit Einkommenssteuern vermindert werden, die sich negativ auf die Höhe des Arbeitspensums auswirken. Mehr soziale Gerechtigkeit würde dank der vielen positiven externen Effekte die Gesamtwohlfahrt erhöhen. Denn die betroffenen Eltern könnten durch eine Pensenerhöhung nicht nur ihr Einkommen erhöhen, sondern müssten auch weniger Einschnitte in ihren Karriereverläufen in Kauf nehmen. Die Wirtschaft wiederum könnte von zusätzlichen inländischen Fachkräften und von einem generell höheren Ausbildungsniveau der kommenden Generationen profitieren. Zurzeit lässt sich wohl kaum eine staatliche Investition finden, die sich als ähnlich ertragsreich erweist wie die Finanzierung von qualitativ guten Drittbetreuungsangeboten.