Fachkräftediskussion aus Unternehmensoptik führen

22. September 2016,  Medienbeiträge

Die Fachkräfteinitiative ist zwar begrüssenswert – die Umsetzung ist aber anspruchsvoll. Denn: Politische Wunschvorstellungen dürfen betriebliche Realitäten nicht beiseiteschieben.

Der Blick in die nahe Zukunft macht klar: In der Schweiz schrumpft das Angebot an Arbeitskräften aus demografischen und politischen Gründen, während die Nachfrage insbesondere nach hoch qualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften weiter zunimmt. Wenn es längerfristig nicht gelingt, diese Arbeitsmarktlücke zu schliessen, können Unternehmen ihre Aufträge nicht mehr kundengerecht ausführen. Als direkte Folgen davon müssen Leistungen abgebaut oder im Ausland erbracht werden. Ausserdem büsst der Wirtschaftsstandort an Attraktivität ein, was etwa die Ansiedlung von Firmen erschwert. Unter dem Strich bezahlen wir also mit Wachstums- und Wohlstandseinbussen. Einer solchen Entwicklung gilt es mit vereinten Kräften entschieden entgegenzutreten.

Dabei ist zu bedenken: Ein strukturelles Problem wie der Fachkräftemangel kann nicht einfach von der Bundespolitik gelöst werden. Denn der Einfluss der öffentlichen Hand – und übrigens auch der Verbände – in einer Marktwirtschaft ist zwangsläufig begrenzt. Kommt hinzu: Der Bund kann nicht alleine entscheiden, sondern muss mit Kantonen und Gemeinden kooperieren. Das ist zeitaufwendig.

Zudem betrifft der Fachkräftemangel nebst der Arbeitsmarktpolitik auch die Bildungs-, die Arbeits-, die Sozial- und die Migrationspolitik. Diese Querschnittswirkungen erfordern wohldosierte Massnahmen in jedem Politikbereich. Gegen rasche Erfolge spricht schliesslich, dass die inländischen Potenziale bereits gut genutzt werden.

In der Praxis birgt das Ausschöpfen der Potenziale oft grosse Hindernisse. Bei einigen der anvisierten Bevölkerungsgruppen zeigt sich, dass mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Arbeitsmotivation oder unzureichende Zuverlässigkeit einer Anstellung entgegenstehen. Andere Gruppen wiederum entscheiden sich aufgrund individueller Lebenspläne, gekoppelt mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, gegen eine Erhöhung der Arbeitspensen.

Firmen stehen im Zentrum

Die Möglichkeiten der Politik zur Entschärfung des Fachkräftemangels sind also begrenzt. Umso höher sind die Erwartungen der Politik an die Fachkräfteinitiative und an ein politisch korrektes Rekrutierungsverhalten der Unternehmen im Rahmen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Deshalb ist daran zu erinnern: Am Anfang der Debatte stehen innovative Unternehmen, die Fachkräfte brauchen.

Die wichtigste Aufgabe der öffentlichen Hand besteht somit weiterhin darin, gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu erwirken. Dazu gehört, das arbeitsmarktorientierte Bildungswesen zu pflegen und weiterzuentwickeln, aber auch, den liberalen, flexiblen und offenen Arbeitsmarkt zu bewahren sowie sich um Erwerbsanreize im Sozialversicherungsbereich zu kümmern. Am wirkungsvollsten ist dabei eine Politik, die Voraussetzungen schafft, dass die Arbeitsmarktakteure selbstverantwortlich und im eigenen Interesse Mangelerscheinungen beheben können. Mit einer solchen Politik der ruhigen Hand lässt sich eine strukturelle Knappheit an Fachkräften am ehesten entschärfen.

Politik muss Grenzen kennen

Alle diese Überlegungen führen zum Fazit: Die Fachkräftediskussion muss künftig vermehrt aus der Optik von Unternehmen mit Rekrutierungsproblemen geführt werden. Demgegenüber muss die Politik ihre eigenen Grenzen anerkennen, statt in eine Aktivismus-Falle zu tappen. Der strukturelle Fachkräftemangel kann nicht mit raschen, isolierten Einzelerfolgen bekämpft werden, sondern benötigt eine durchdachte, nachhaltige Arbeit in den hauptsächlich betroffenen Politikbereichen Arbeitsmarkt, Bildung und Sozialpolitik.

Dazu sind die vom Bund erstellten Grundlagenberichte und Indikatoren sowohl für die Politiker als auch für die Unternehmen und Verbände nützlich. Sie können Anhaltspunkte liefern, wie die Unternehmen gezielt wirksame Fachkräftestrategien in die Tat umsetzen. Eine unlängst lancierte digitale Informationsplattform, auf der Bund, Kantone und Sozialpartner ihre Anstrengungen bündeln, ist ein weiterer pragmatischer Schritt, um einen praxisnahen Erfahrungsaustausch zu intensivieren.

Der Artikel von Valentin Vogt ist in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» erschienen.